Ampel Grün

ProduktdenkenRisiko & EntscheidungBeobachtungen

Das Sta­tus­­board zeigt Grün. Al­le Mei­len­s­tei­­ne er­reicht. Bu­d­­get ein­­ge­ha­l­ten. Scope ge­­lie­­fert. Der Pro­jek­t­lei­ter prä­­sen­tiert den Ab­­schluss­­be­richt. Das Team ist zu­frie­­den. Die Sta­ke­hol­­der ni­­cken.

Sechs Mo­na­te spä­ter: Das Sys­tem wird kaum ge­­nutzt. Sup­­por­t­an­fra­­gen häu­­fen sich. Än­­de­rungs­­wün­­sche kom­­men schnel­­ler, als das Team re­a­gie­ren kann.
Ich ken­­ne die­­sen Mo­­ment. Ich ha­be ihn zu oft er­lebt.

Das Fa­l­­sche ge­­mes­­sen

Pro­jek­t­a­r­­beit misst, ob ver­­ein­­ba­r­te Kri­te­ri­en ein­­ge­ha­l­ten wur­­den. Zeit. Bu­d­­get. Um­­fang. Die­­se Kri­te­ri­en sind klar, mess­­bar und not­wen­­dig. Sie sa­­gen mir, ob ef­­fi­­zi­ent ge­a­r­­bei­tet wur­­de.

Sie sa­­gen mir nichts dar­­über, ob das Rich­ti­­ge ge­­baut wur­­de.

Das ist kein Feh­­ler im Sys­tem. Es ist die Ab­­sicht des Sys­tems. Pro­jek­te sind auf Steu­er­­ba­r­keit aus­­­ge­legt, nicht auf Wir­­kung. Die Fra­­ge «Ha­­ben wir es rich­tig ge­­baut?» be­ant­wor­ten sie her­vor­­ra­­gend. Die Fra­­ge «Ha­­ben wir das Rich­ti­­ge ge­­baut?» stel­len sie gar nicht.

Ein Ka­te­­go­ri­en­­feh­­ler

Was ich im­­mer wie­­der be­ob­ach­te: Or­­ga­­ni­sa­tio­­nen set­­zen Pro­jek­t­er­­folg und Pro­­duk­t­er­­folg gleich. Ein grü­­nes Pro­jekt gilt als Be­weis, dass das Pro­­dukt funk­tio­­niert.

Das ist ein Ka­te­­go­ri­en­­feh­­ler.

Pro­jek­t­er­­folg misst Ef­­fi­­zi­enz. Pro­­duk­t­er­­folg misst Ef­­fek­ti­vi­tät. Ef­­fi­­zi­enz fragt: Tun wir die Din­­ge rich­tig? Ef­­fek­ti­vi­tät fragt: Tun wir die rich­ti­­gen Din­­ge? Bei­­de Fra­­gen sind le­­gi­tim. Kei­­ne be­ant­wor­tet die an­­de­­re.

So­lan­­ge das nicht ge­trennt wird, blei­­ben Pro­jek­te grün – und Pro­­duk­te schei­tern still.

Was zwi­­schen Go-live und Wir­­kung pas­­siert

Nach dem Pro­jek­t­ab­­schluss trifft das Pro­­dukt auf die Rea­­li­tät. Nicht auf die Rea­­li­tät aus dem Kick­off-Work­­shop. Nicht auf die Rea­­li­tät aus den An­­for­­de­rungs­­­do­­ku­­men­ten. Auf die ech­te Rea­­li­tät – wie Men­­schen tat­­säch­­lich ar­­bei­ten, was sie brau­chen, was sie ig­no­rie­ren.

Was wir hat­ten, wa­ren An­­nah­­men. Gut ge­­mein­te, sor­g­­fäl­tig for­mu­­lier­te, in Mei­len­s­tei­­ne ver­­pack­te An­­nah­­men. Sie wur­­den nie als sol­che be­han­­delt – und des­halb wur­­den sie auch nie über­­­prüft.

Das Ri­­si­­ko ver­­schwin­­det nicht im Pro­jekt. Es wan­­dert in den Be­trieb – und wird dort sicht­­bar.

Der Mo­­ment, der ent­­schei­­det

Wann be­­ginnt man mit die­­ser Ar­­beit? Nicht in der Re­tro­­spek­ti­­ve. Nicht nach dem Go-live.

Im er­s­ten Ge­spräch mit dem Auf­­­trag­­ge­­ber.

Das ist der Mo­­ment, in dem An­­nah­­men ent­we­­der aus­­­ge­spro­chen wer­­den – oder stil­le Wahr­hei­ten wer­­den. Die Fra­­ge lau­tet nicht: «Was soll ge­­baut wer­­den?» Die Fra­­ge lau­tet: «Was neh­­men wir an – und was da­von ha­­ben wir wirk­­lich über­­­prüft?»

Das klingt ein­fach. Es wird trotz­­dem sel­ten ge­fragt. Der Druck ist real: Sta­ke­hol­­der wol­len sicht­­ba­­re Re­­sul­ta­te. Tem­­po gilt als Kom­­pe­tenz. Was da­­bei auf der Stre­­cke bleibt, sind die Fra­­gen, die nie­­mand stellt.

Na­tür­­lich wer­­den die Mit­­a­r­­bei­ter das Sys­tem nut­­zen. Na­tür­­lich passt der neue Pro­­zess in ih­ren All­­tag. Na­tür­­lich ist die Be­reit­­schaft zur Ver­­än­­de­rung da.

Na­tür­­lich.

For­t­­schritt neu mes­­sen

Ein grü­­nes Pro­jekt ist eine not­wen­­di­­ge Be­­din­­gung für ein gu­tes Pro­­dukt. Es ist kei­­ne hin­­rei­chen­­de.

Wer nur Pro­jek­t­kenn­­zah­len misst, re­­du­­ziert Um­­­set­­zungs­­ri­­si­ken. Wer zu­­sätz­­lich fragt, was er an­­nimmt und was da­von über­­­prüft ist, re­­du­­ziert Pro­­duk­t­ri­­si­ken – be­vor sie in den Be­trieb wan­­dern und teuer wer­­den.

Das ist kein lang­sa­­me­res Ar­­bei­ten. Es ist die rich­ti­­ge Art von Ge­schwin­­dig­keit.

Das Sta­tus­­board kann grün blei­­ben. Die Fra­­ge ist nur, was es misst.

Pro­­duk­t­er­­folg be­­ginnt nicht mit dem er­s­ten Sprint. Er be­­ginnt mit der er­s­ten ehr­­li­chen An­­nah­­me.