Er­fah­rung ist der blin­de Fleck.

ProduktdenkenBeobachtungen

Man kennt den Markt. Man kennt die Kun­den. Man hat ein funk­tio­nie­ren­des Pro­dukt als Basis.
Pro­duk­t­er­wei­te­run­gen gel­ten des­halb als das Ri­si­koärms­te was ein Un­ter­neh­men tun kann.

Genau das ist das Pro­blem.

Je ver­trau­ter der Markt – desto blin­der der Fleck

Wer ein Pro­dukt er­folg­reich be­treibt, kennt seine Nut­zer – die ak­tu­el­len. Er weiss wie sie ar­bei­ten, was sie brau­chen, wo sie Mühe haben. Die­ses Wis­sen ist real und wert­voll.

Aber eine Pro­duk­t­er­wei­te­rung bringt fast immer neue Nut­zer, neue Pro­zes­se, neue Rol­len mit sich. Und weil man glaubt, den Markt be­reits zu ken­nen, fragt man nicht mehr nach. Man nimmt an.

Das ist kein Feh­ler aus Nach­läs­sig­keit. Es ist ein struk­tu­rel­ler Bias: Die Ver­traut­heit mit dem be­ste­hen­den Pro­dukt er­zeugt das Ge­fühl, auch das neue Ter­rain zu ken­nen. Dabei be­tritt man beim Kun­den etwas grund­le­gend Neues – ohne es zu mer­ken.

Eine Ge­schich­te aus der Pra­xis

Ein In­dus­trie­un­ter­neh­men er­wei­tert sein di­gi­ta­les Tool. Bis­her konn­ten Be­die­ner an der Ma­schi­ne ihre Auf­trä­ge selbst sen­den – di­rekt, ohne Umweg. Eine der Kern­stär­ken der neuen Ma­schi­nen­ge­ne­ra­ti­on war, dass kein se­pa­ra­ter Com­pu­ter mehr nötig ist. Fort­s­chritt, kla­rer Nut­zen, ver­kauf­ba­res Ar­gu­ment.

Was dabei nicht mit­ge­dacht wurde: Ohne Com­pu­ter kann der Be­die­ner die Auf­trä­ge nicht mehr selbst ins Sys­tem ein­ge­ben. Die­ser Job muss nun je­mand an­ders über­neh­men – wahr­schein­lich je­mand in der Ar­beits­vor­be­rei­tung, der einen Com­pu­ter hat.

Plötz­lich hat eine Per­son Mehr­auf­wand die vor­her gar nicht Teil des Work­flows war. Und die­ser Mehr­auf­wand bringt ihr kei­nen di­rek­ten Nut­zen. Das Lauf­blatt, das den phy­si­schen Fer­ti­gungs­schritt be­glei­tet, ist wei­ter­hin nötig – der Pro­zess wurde nicht ver­ein­facht, er wurde um­ver­teilt.

Das Un­ter­neh­men kann­te sei­nen Markt. Es kann­te seine Ma­schi­nen. Es kann­te den bis­he­ri­gen Nut­zer.

Den neuen Nut­zer – die Per­son die plötz­lich eine zu­sätz­li­che Auf­ga­be hat – kann­te es nicht. Und die­ser Blind­fleck wurde nicht kor­ri­giert. Nicht weil nie­mand es ge­se­hen hätte. Son­dern weil das Team be­reits im falschen Modus war: Fea­tu­res in die Ent­wick­lung brin­gen, nicht Pro­ble­me ver­ste­hen. In die­sem Modus ist kein Raum für die Frage ob der Pro­zess des Kun­den wirk­lich mit­ge­dacht wurde.

Was vorne in­ves­tiert wird, fehlt hin­ten nicht

Es gibt eine Ge­gen­be­we­gung zu die­sem Mus­ter – und sie ist we­ni­ger auf­wän­dig als sie klingt.

Wer am An­fang einer Pro­duk­t­er­wei­te­rung Zeit in­ves­tiert das neue Ter­rain wirk­lich zu ver­ste­hen – neue Rol­len zu iden­ti­fi­zie­ren, neue Pro­zes­se zu be­ob­ach­ten, neue Ab­hän­gig­kei­ten zu vi­su­a­li­sie­ren – ge­winnt diese Zeit spä­ter zu­rück. In der Um­set­zung löst man dann keine schwer­wie­gen­den Kon­zept­pro­ble­me mehr. Man kann sich voll­stän­dig auf die De­tails kon­zen­trie­ren, weil man weiss dass man kon­zep­ti­o­nell rich­tig un­ter­wegs ist.

Nicht weil man den Markt kennt. Son­dern weil man die neuen Nut­zer kennt.