Gut ent­schie­den. Falsch ge­lan­det.

ProduktdenkenRisiko & Entscheidung

Das Pro­dukt wäre fast nicht auf den Markt ge­kom­men. Nicht weil je­mand einen Feh­ler ge­macht hatte. Die Ent­schei­de waren durch­dacht, die Ar­gu­men­te stimm­ten.
Erst im Nach­hin­ein wurde klar warum es trotz­dem fast schief­ging: Pro­jek­tri­si­ken wur­den sorg­fäl­tig ge­ma­nagt – Bud­get, Dead­li­ne, Scope. Pro­duk­tri­si­ken hin­ge­gen wur­den kaum be­trach­tet. Nicht weil sie un­wich­tig sind. Nicht, weil nie­mand weiss wie – son­dern weil Pro­jek­tri­si­ken im Fokus ste­hen und Pro­duk­ter­folg als im­pli­zit ge­ge­ben gilt.

Pro­jek­tri­si­ken und Pro­duk­tri­si­ken – und warum man beide braucht

In vie­len Pro­jek­ten wer­den Pro­jek­tri­si­ken sorg­fäl­tig adres­siert: Dead­li­nes, Bud­get, tech­ni­sche Kom­ple­xi­tät, Res­sour­cen. Diese Ri­si­ken sind un­mit­tel­bar sicht­bar. Sie schla­gen so­fort zu wenn etwas schief­geht.

Pro­duk­tri­si­ken sind an­ders. Sie wer­den spä­ter sicht­bar – oft erst nach der Lan­cie­rung, wenn das Pro­dukt auf den Markt trifft und die Re­a­li­tät der Kun­den nicht das ist, was man an­ge­nom­men hatte. Zu die­sem Zeit­punkt ist das Bud­get aus­ge­ge­ben. Das Team ist längst beim nächs­ten Pro­jekt.

Was dabei leicht über­se­hen wird: Die bei­den Ri­si­ko­ty­pen sind keine par­al­le­len Ka­te­go­ri­en. Sie sind kom­mu­ni­zie­ren­de Röh­ren. Wer ein Pro­jek­tri­si­ko senkt, schafft oft ein Pro­duk­tri­si­ko – und um­ge­kehrt. Wer das nicht im Blick hat, op­ti­miert lokal und ge­fähr­det das Ganze.

Eine Ge­schich­te aus der Pra­xis

Ein In­dus­trie­un­ter­neh­men. Ein neues di­gi­ta­les Tool, das Ar­beits­pro­zes­se ver­än­dern und Auf­ga­ben auf neue Rol­len ver­tei­len soll. Kon­zept so­li­de, Team mo­ti­viert, Lan­cie­rung ge­plant.

Zwei Ent­schei­de lagen auf dem Tisch – beide ver­nünf­tig, beide nach­voll­zieh­bar. Ers­tens: Alte Ma­schi­nen wer­den nicht an­ge­bun­den. Zu auf­wän­dig, zu teuer – das ver­stand so­fort jeder. Ein kla­res Pro­jek­tri­si­ko wurde be­wusst eli­mi­niert. Zwei­tens: Der Ar­beits­pro­zess wird grund­le­gend ge­än­dert – neue Rol­len, neue Ab­läu­fe. Die­ser Ent­scheid ent­stand aus Re­sea­rch und dem stra­te­gi­schen Plan, eine zen­tra­le Platt­form zu bauen.

Beide Ent­schei­de waren für sich ge­nom­men ra­ti­o­nal. Aber nie­mand hatte sie ge­mein­sam be­trach­tet.

Bis je­mand die ent­schei­den­de Frage stell­te: Was macht ein In­dus­trie­un­ter­neh­men mit sechs Ma­schi­nen, von denen erst eine neu ist – und das sei­nen ge­sam­ten Fer­ti­gungs­pro­zess um­stel­len müss­te, nur weil ein Tool das ver­langt? Der Le­bens­zy­klus einer In­dus­trie­ma­schi­ne liegt bei etwa sie­ben Jah­ren. Be­trie­be er­set­zen nicht alle Ma­schi­nen gleich­zei­tig. Die meis­ten Un­ter­neh­men der Ziel­grup­pe hät­ten über Jahre einen ge­misch­ten Ma­schi­nen­park – und für eine ein­zi­ge neue Ma­schi­ne den kom­plet­ten Ar­beits­pro­zess zu än­dern, würde die Fer­ti­gung kom­pli­zier­ter ma­chen statt ein­fa­cher. Die Vor­tei­le des neuen Tools hät­ten sich in Luft auf­ge­löst.

Das Pro­jek­tri­si­ko wurde ge­löst. Das Pro­duk­tri­si­ko wurde damit erst ge­schaf­fen.

So­bald diese Ver­bin­dung vi­su­a­li­siert war, war der Ent­scheid klar: Le­ga­cy-Ma­schi­nen wur­den vor der Lan­cie­rung ein­be­zo­gen. Das Pro­dukt kam auf den Markt. Mög­lich war das, weil die Kul­tur im Pro­jekt Raum liess, einen Feh­ler noch zu kor­ri­gie­ren. Das ist nicht selbst­ver­ständ­lich.

Was das in der Pra­xis be­deu­tet

Im B2B-Um­feld kommt kein Pro­dukt in ein lee­res Sys­tem. Es trifft immer auf eine be­ste­hen­de Re­a­li­tät – ge­wach­se­ne Pro­zes­se, be­ste­hen­de Tech­no­lo­gi­en, ein­ge­spiel­te Ar­beits­wei­sen, Men­schen die ihren All­tag nicht für ein neues Tool um­stel­len wol­len, nur weil es tech­nisch mög­lich wäre.

Der Mehr­wert eines Pro­dukts ent­steht nicht im Pro­dukt selbst. Er ent­steht dort wo das Pro­dukt auf diese Re­a­li­tät trifft. Funk­ti­o­na­li­tät, Tech­no­lo­gie, Ar­beits­pro­zess – alles muss daran ge­mes­sen wer­den, ob der Kunde den ver­spro­che­nen Mehr­wert tat­säch­lich nut­zen kann. Nicht unter Ide­al­be­din­gun­gen. Unter sei­nen Be­din­gun­gen.

Es braucht dafür keine auf­wän­di­gen Fra­me­works. Was es braucht, ist ein kom­ple­men­tä­rer Blick auf beide Ri­si­ko­ty­pen gleich­zei­tig – und die Be­reit­schaft, die Daten die dazu vor­lie­gen auch wirk­lich zu nut­zen.

Ri­si­ken ent­ste­hen sel­ten durch schlech­te Ent­schei­dun­gen. Sie ent­ste­hen, wenn gute Ent­schei­dun­gen nie ge­mein­sam be­trach­tet wer­den.