Hy­­po­the­­sen-Jenga

ProduktdenkenRisiko & EntscheidungBeobachtungen

Stell dir einen Jenga-Turm vor. Je­­der Bau­­stein steht für eine An­­nah­­me. Nut­­zer ha­­ben die­­ses Pro­blem. Un­­­se­­re Lö­­sung löst es. Sie wer­­den ihr Ver­­ha­l­ten än­­dern. Das Ge­schäfts­­mo­­dell trägt. Die Tech­­nik funk­tio­­niert.

So­lan­­ge nie­­mand zieht, sieht al­les sta­­bil aus. Ir­­gen­d­wann zieht je­­mand. Und dann fällt der gan­­ze Turm.

Ich ha­be das mehr­fach er­lebt. Und ich ha­be ge­­lernt, wann es pas­­siert.

Das ei­gent­li­che Pro­blem sind nicht die An­nah­men

Je­­des Pro­­dukt be­­ginnt mit Hy­­po­the­­sen. Das ist nor­­mal. Das ist un­­­ver­­­mei­d­­lich. Wer am An­fang ei­­nes Pro­jekts be­haup­tet, er wis­­se ge­nau, was Nut­­zer brau­chen, lügt – oder täuscht sich selbst.

Das Pro­blem ist nicht, dass An­­nah­­men exis­tie­ren. Das Pro­blem ist, dass sie un­­­sicht­­bar blei­­ben.

In fast je­­dem Pro­jekt, in dem ich ge­a­r­­bei­tet ha­be, gab es kei­­nen Mo­­ment, in dem das Team ge­­mein­­sam ge­fragt hat: Was glau­­ben wir ei­­gent­­lich? Was da­von ha­­ben wir über­­­prüft? Was da­von ist Wunsch­­den­ken?

Stat­t­­des­­sen wer­­den An­­nah­­men still zu Fak­ten er­­klärt. Sie wan­­dern von der Idee in die Roa­d­­map, von der Roa­d­­map ins Back­log, vom Back­log in den Sprint. Ir­­gen­d­wann baut ein gan­­zes Team auf ei­­nem Fun­da­­ment, das nie­­mand je wirk­­lich ge­­prüft hat.

Warum Teams trotz­dem in die­ses Mus­ter ge­ra­ten

Meis­tens aus Druck. Pro­jek­te sta­r­ten mit Lö­­sun­­gen, nicht mit Fra­­gen – die Idee ist ge­­setzt, be­vor das Pro­blem wirk­­lich ver­­­stan­­den wur­­de. Ge­schwin­­dig­keit wird mit For­t­­schritt ver­­­wech­­selt. Das be­ru­higt Sta­ke­hol­­der. Es re­­du­­ziert aber kei­­ne Ri­­si­ken.

Und dann gibt es noch das sub­­tils­te Mus­ter: An­­nah­­men, die so selbst­­ver­­­stän­d­­lich klin­­gen, dass nie­­mand sie aus­­spricht.

Na­tür­­lich hat der Nut­­zer die­­ses Pro­blem. Na­tür­­lich wird er die App nut­­zen. Na­tür­­lich passt das ins Ge­schäfts­­mo­­dell.

Na­tür­­lich.

Diese stil­len Über­zeu­gun­gen sind die ge­fähr­lichs­ten Bau­stei­ne im Turm.

Was wirk­lich auf dem Spiel steht

Wenn eine zen­tra­le An­­nah­­me falsch ist und nie­­mand hat sie über­­­prüft, merkt man das spät. Sehr spät. Dann sind Mo­na­te Ar­­beit, gros­­se Bu­d­­gets und or­­ga­­ni­sa­to­ri­­sche Ent­­schei­­dun­­gen be­reits in eine Rich­tung ge­flos­­sen.

Der Scha­­den ist nicht nur fi­nan­­zi­ell. Ich ken­­ne Pro­jek­te, die tech­­nisch sau­­ber durch­­­ge­­führt wur­­den – Zeit­­plan ein­­ge­ha­l­ten, Bu­d­­get ge­trof­­fen, Scope ge­­lie­­fert – und trotz­­dem schei­ter­ten. Nicht weil schlecht ge­a­r­­bei­tet wur­­de, son­­dern weil nie­­mand die Fun­da­­ment-Fra­­ge ge­­stellt hat­te.

Teams, die in Hy­­po­the­­sen-Jenga ge­ra­ten, ver­­­lie­ren Ver­­trau­en – in die Me­tho­­de, in die Füh­rung, in das Pro­­dukt. Das ist schwe­­rer zu re­pa­rie­ren als ein Bu­d­­get.

Was ich stat­t­­des­­sen ma­che

Ich fan­­ge mit ei­­ner Fra­­ge an, die sel­ten ge­­stellt wird: Was glau­­ben wir – und was wis­­sen wir wirk­­lich?

Nicht in ei­­nem lan­­gen Work­­shop. Nicht mit ei­­nem kom­p­li­­zier­ten Fra­me­work. Son­­dern be­vor das Back­log steht, be­vor die Roa­d­­map ge­­zeich­­net wird – zu dem Zeit­­punkt, wo es noch et­­was kos­tet, die Ant­wort zu ken­­nen, aber we­­nig kos­tet, sie her­aus­­zu­­fin­­den.

Nicht al­le An­­nah­­men sind gleich ris­­kant. Die exis­ten­­zi­el­len Fra­­gen – Exis­tiert das Pro­blem wirk­­lich? Wür­­den Men­­schen ihr Ver­­ha­l­ten än­­dern? Lässt sich da­­mit et­­was Trag­­fä­hi­­ges bau­en? – die­­se müs­­sen zu­erst auf den Tisch.

Je­de über­­­prüf­te An­­nah­­me sta­­bi­­li­­siert den Turm. Je­de wi­­der­leg­te ver­­hin­­dert, dass man wei­ter in die fa­l­­sche Rich­tung baut. Das ist kein Brem­­sen. Das ist Ge­schwin­­dig­keit – die rich­ti­­ge Art da­von.

Was For­t­­schritt wirk­­lich be­­deu­tet

Ich ha­be ge­­lernt, For­t­­schritt an­­ders zu mes­­sen als in Fea­tu­res, Ve­lo­­ci­­ty oder Re­lea­­ses. In der frü­hen Pha­­se ei­­nes Pro­­dukts be­­deu­tet For­t­­schritt et­­was an­­de­res: Un­­­si­cher­heit re­­du­­zie­ren, Ri­­si­­ko ab­­bau­en, ler­­nen be­vor man baut.

Ein gu­tes Pro­­dukt ent­­steht nicht aus ei­­nem Turm von An­­nah­­men – son­­dern aus ei­­nem Pro­­zess, der An­­nah­­men früh sicht­­bar macht und über­­­prüft, be­vor sie teuer wer­­den.

Al­les an­­de­­re ist Hy­­po­the­­sen-Jenga.

Und ir­­gen­d­wann zieht je­­mand den fa­l­­schen Bau­­stein.