Ich glau­be an die Vi­si­on

ProduktdenkenMethoden & Modelle

Ich bin ge­ra­de in einem Pro­jekt, das mich be­schäf­tigt. Nicht weil es tech­nisch kom­plex wäre. Son­dern weil es kein Ziel­bild hat.

An­for­de­run­gen kom­men rein, wer­den pri­o­ri­siert, um­ge­setzt. Dann kom­men neue An­for­de­run­gen. Ge­mes­sen wird auch – Um­fra­gen, Feed­back, Re­kla­ma­ti­o­nen. Im­pli­zit geht man davon aus, dass es bes­ser wird. Ob Pro­zess­zei­ten sin­ken, Feh­ler zu­rück­ge­hen oder Ent­schei­dun­gen schnel­ler wer­den, wird nicht sys­te­ma­tisch über­prüft.

Das Pro­blem ist nicht Tempo. Es gibt viele An­for­de­run­gen – aber kei­nen Mass­stab, nach dem sie be­wer­tet wer­den. Umso wich­ti­ger wist es, das Rich­ti­ge um­zu­set­zen – nicht ein­fach mehr.

Genau die­ses Mus­ter, das ent­steht wenn ein Pro­dukt ohne Vi­si­on ge­baut wird.

Was eine Vi­si­on leis­tet

Eine Vi­si­on ist kein Ver­spre­chen. Sie ist ein Ziel­bild.

Sie be­schreibt, wohin ein Pro­dukt in den nächs­ten Jah­ren füh­ren soll – wel­ches Pro­blem es löst, für wen und in wel­chem Kon­text. Sie macht An­nah­men über die Zu­kunft ex­pli­zit – und zwingt zur Po­si­tio­nie­rung. Wer ein Ziel­bild for­mu­liert, muss sagen, wofür das Pro­dukt ste­hen soll. Und damit auch: wofür nicht.

Eine Vi­si­on ist lang­fris­tig an­ge­legt. Man passt sie an wenn sich die Zu­kunft des Pro­dukts fun­da­men­tal ver­schiebt. Nicht weil ein Sta­ke­hol­der eine neue Mei­nung hat. Nicht weil ein Quar­tals­ziel es ver­langt.

Was die Vi­si­on nicht ist: ein Do­ku­ment das man ein­mal for­mu­liert und dann ab­legt. Sie ist das Ziel­bild das man ver­folgt – und von Zeit zu Zeit kor­ri­giert, wenn die Re­a­li­tät es ver­langt.

Pro­jekt­zie­le sind nicht Pro­dukt­zie­le

Die­ser Un­ter­schied wird in den meis­ten Pro­jek­ten nicht wahr­ge­nom­men. Nicht weil er ir­re­le­vant wäre. Son­dern weil er nie ex­pli­zit ge­macht wird.

Ein Pro­jekt­ziel ist er­reicht, wenn Fea­ture XY um­ge­setzt wurde. On time, on bud­get, on scope. Das ist mess­bar, kom­mu­ni­zier­bar, plan­bar.

Ein Pro­dukt­ziel ist er­reicht, wenn das Pro­blem das Fea­ture XY lösen soll­te, tat­säch­lich ge­löst ist. Das ist schwie­ri­ger zu mes­sen – und wird des­halb oft nicht ge­mes­sen.

Und es ist das Ein­zi­ge das zählt.

Wer mit Pro­jekt­zie­len misst und Pro­duk­ter­folg im­pli­zit als ge­ge­ben vor­aus­setzt, baut Fea­tu­res. Man op­ti­miert Pro­jek­ter­folg. Und wun­dert sich sechs Mo­na­te nach dem Go-live warum das Pro­dukt nicht wirkt.

Eine Vi­si­on hilft – zu­sam­men mit einer ab­ge­lei­te­ten Stra­te­gie – die­sen Un­ter­schied sicht­bar zu ma­chen. Sie fragt nicht: Was bauen wir als nächs­tes? Sie fragt: Bringt uns das was wir bauen, dem Ziel­bild näher?

Drei Ebe­nen – und warum alle drei nötig sind

Eine Vi­si­on al­lein reicht nicht. Sie braucht eine Struk­tur dar­un­ter.

Die Vi­si­on be­schreibt wohin. Lang­fris­tig, sta­bil, als Ori­en­tie­rung über Jahre.

Die Stra­te­gie be­schreibt wie. Sie wird re­gel­mäs­sig an­ge­passt – die Vi­si­on nicht. Märk­te ver­schie­ben sich, Tech­no­lo­gi­en ent­ste­hen, An­nah­men er­wei­sen sich als falsch. Die Stra­te­gie muss dar­auf re­a­gie­ren, ohne dass das Ziel­bild auf­ge­ge­ben wird.

Die Pro­dukt­zie­le be­schrei­ben was kon­kret. Sie sind die mess­ba­ren Zwi­schen­sta­ti­o­nen. Nicht: «Fea­ture XY ist live.» Son­dern: «Das Pro­blem das Fea­ture XY lösen soll, ist ge­löst – nach­weis­bar, in der Pra­xis.»

Diese drei Ebe­nen sind keine Bü­ro­kra­tie.
Sie sind der Un­ter­schied zwi­schen Rich­tung und Krei­sen.

Was fehlt wenn die Vi­si­on fehlt

In Pro­jek­ten ohne Vi­si­on sieht man das­sel­be Mus­ter immer wie­der.

An­for­de­run­gen kom­men von innen – aus der In­nen­po­li­tik des Un­ter­neh­mens, nicht aus der Re­a­li­tät der Nut­zer. Was ge­ra­de sicht­bar oder po­li­tisch re­le­vant ist, wird pri­o­ri­siert. Der Mass­stab fehlt – nicht weil nie­mand mes­sen will, son­dern weil nie­mand de­fi­niert hat woran ge­mes­sen wer­den soll.

Man baut viel, weil man si­cher gehen will. Nicht weil man weiss was ge­braucht wird. Funk­ti­o­na­li­tä­ten ent­ste­hen, die ein Jahr spä­ter durch etwas Neues aus einem an­de­ren Pro­jekt er­setzt wer­den – weil nie­mand kom­mu­ni­ziert hat wohin der Weg geht.

Ab­hän­gig­kei­ten zu an­de­ren Pro­jek­ten wer­den schlecht ko­or­di­niert. Jedes Team baut in eine ei­ge­ne Rich­tung – nicht aus Des­in­ter­es­se, son­dern weil die Ziele nicht ab­ge­stimmt sind. Dabei wäre genau das wert­voll: wenn Teams wis­sen wohin an­de­re steu­ern, kön­nen Ziele auf­ein­an­der aus­ge­rich­tet, Dop­pel­a­r­beit ver­mie­den und manch­mal Lö­sun­gen ge­fun­den wer­den die gar kein Fea­ture brau­chen.

Eine ex­pli­zi­te Vi­si­on schafft diese Grund­la­ge – nach innen für das Team, nach aus­sen für alle die davon ab­hän­gen.

Ite­ra­tiv, aber mit lan­gen Zy­klen

Eine Pro­dukt­vi­si­on ist kein End­punkt.

Sie ist ein Ziel­bild das man ver­folgt. Man steu­ert dar­auf zu – und stellt dabei fest, dass der Kurs kor­ri­giert wer­den muss. Nicht das Ziel­bild. Der Kurs.

Das ist Ite­ra­ti­on – aber mit deut­lich län­ge­ren Zy­klen als ein Sprint oder ein Quar­tals­ziel. Die Vi­si­on über­prüft man wenn sich die Welt fun­da­men­tal ver­än­dert. Die Stra­te­gie über­prüft man jähr­lich. Die Pro­dukt­zie­le misst man lau­fend.

Nur wenn man ein Ziel­bild an­vi­siert und Mar­kie­run­gen in den Boden rammt, kann man sehen wie weit man ge­kom­men ist – und wie weit man da­ne­ben liegt.

Ohne Vi­si­on merkt man nicht, dass man im Kreis läuft.
Man wird nur schnel­ler darin.