Im Text werde ich bes­ser. Im Mo­ckup nur schnel­ler.

Design & TechnologieBeobachtungen

Ich ar­bei­te täg­lich mit KI. Nicht in einem Pi­lot­pro­jekt, nicht als Ex­pe­ri­ment – als Ar­beits­wei­se, die sich über die letz­te Zeit her­aus­ge­bil­det hat. Dabei habe ich ge­lernt, wo mich KI wirk­lich wei­ter­bringt und wo sie mich bremst. Das hier ist keine Stu­die und kein Ver­gleichs­test. Es ist re­flek­tier­te Pra­xis. Und ab und zu rei­tet es mich, wie­der di­rekt mit Figma Make los­zu­le­gen – um jedes Mal fest­zu­stel­len: Das ist es nicht.

Zwei Modi, zwei Er­geb­nis­se

Es gibt für mich zwei grund­ver­schie­de­ne Arten, mit KI zu ar­bei­ten.

Die erste ist die tex­tu­el­le Aus­ein­an­der­set­zung. Ich dis­ku­tie­re Kon­zep­te, Ab­läu­fe, Va­ri­a­n­ten – mit der KI als Ge­gen­über, das kri­ti­siert, nach­fragt, Op­ti­o­nen durch­spielt. Jede Runde pro­du­ziert ein Ar­gu­ment. Ar­gu­men­te sind bil­lig zu re­vi­die­ren. Ich nenne das Hoch­le­veln: Wir stei­gen ge­mein­sam in ein kom­pli­zier­tes Thema ein, und nach einer Stun­de ver­ste­he ich es bes­ser als vor­her. Nicht weil die KI die Ant­wort wüss­te – son­dern weil sie Mus­ter auf­zeigt, weil sie mich zwingt, meine Po­si­ti­on zu schär­fen. Selbst ihre Fehl­in­ter­pre­ta­ti­o­nen sind pro­duk­tiv: Wer kor­ri­gie­ren muss, muss noch­mals durch­den­ken.

Dabei hilft mir UFMn, eine No­ta­ti­on, die Ab­läu­fe auf Mo­ckup-Ebene be­schreibt – nicht ab­s­trakt wie ein Fluss­dia­gramm, son­dern dort, wo der Nut­zer tat­säch­lich un­ter­wegs ist. Sie zwingt mich, den Pro­zess voll­stän­dig zu den­ken – und sie trans­por­tiert diese Logik so, dass auch die KI ver­steht, wie die Story ab­läuft.

Die zwei­te Art ist das KI-ge­stütz­te vi­su­el­le Er­zeu­gen. Prompt rein, Screen raus. Der erste Wurf be­ein­druckt – und genau das ist das Pro­blem. Er wird zur Re­fe­renz, an der ich fort­an her­um­schrau­be. Ich bin ge­blen­det vom Vi­su­el­len, vom Ge­lun­ge­nen wie vom Un­schö­nen. Dabei geht es in die­sem Mo­ment gar nicht um Optik. Es geht um Pro­zes­se, Struk­tur, Ab­hän­gig­kei­ten – und die stel­le ich erst beim Durch­den­ken und Aus­pro­bie­ren fest. Nur: Der gros­se Wurf steht dann schon da. Jede grund­sätz­li­che Än­de­rung muss ich gegen diese erste Lö­sung durch­set­zen, jede Kor­rek­tur ar­bei­tet gegen ein fer­ti­ges Bild an und bringt un­er­wünsch­te Ne­ben­ef­fek­te mit. Die ei­gent­li­che Dis­kus­si­on – was soll das Ding über­haupt tun? – muss ich aus­ser­halb des Werk­zeugs füh­ren. Denn ein vi­su­el­les Er­geb­nis ist immer schon eine Ant­wort. Auch dann, wenn die Frage noch offen ist. Es gibt im Werk­zeug kei­nen Ort für den Zu­stand «dar­über sind wir uns noch nicht einig».

Der Auf­wand ver­schwin­det also nicht. Er ver­schiebt sich – vom Kon­zi­pie­ren ins Nach­kor­ri­gie­ren. Und dort ist er teu­rer.

Wie ich statt­des­sen ar­bei­te

Ich über­sprin­ge die KI nicht. Ich or­che­s­trie­re sie.

Bevor etwas vi­su­ell wird, schaf­fe ich Struk­tur: Ab­läu­fe klä­ren, Fokus set­zen, Test­da­ten struk­tu­riert auf­be­rei­ten. Erst dann über­ge­be ich an das Werk­zeug – Screen für Screen, mit prä­zi­sem Auf­trag. So ite­rie­re ich selbst in­nert Stun­den: um­de­si­g­nen, prü­fen, nach­schär­fen. Nach vier sol­chen Run­den stand zu­letzt eine Lö­sung auf Wi­re­f­ra­me-Ebene, mit der ich ins Nut­zer­tes­ting ein­ge­stie­gen bin – und mit Nut­zern brauch­te es dann noch eine, viel­leicht zwei Run­den. Die Fein­ab­stim­mung – was wird grös­ser, was klei­ner, was wohin – mache ich wei­ter­hin von Hand. Von Hand bin ich da schnel­ler. Und ehr­li­cher­wei­se: Kein Ent­wurf, den ich ein­fach dahin ge­promp­tet habe, war je gut genug.

Die­ses Durch­a­r­bei­ten ist an­stren­gend. Es ist aber kein Umweg, son­dern Teil des Er­geb­nis­ses – nur nicht, weil Hand­a­r­beit eine Tu­gend wäre. Son­dern weil ein Teil der Qua­li­tät beim Durch­lau­fen der Ent­schei­dun­gen ent­steht: Ich kenne da­nach nicht nur den Ent­wurf, son­dern auch die ver­wor­fe­nen Va­ri­a­n­ten und ihre Grün­de. Er­fah­ren, nicht ge­le­sen. Das zeigt sich spä­ter im Nut­zer­test: Wer sei­nen Ent­wurf so kennt, er­fasst Ab­wei­chun­gen schnel­ler und führt ein an­de­res Ge­spräch mit den Test­nut­zern.

Warum das in mei­nem Kon­text zählt

Ich baue keine Con­su­mer-Apps, die man am le­ben­den Nut­zer nachi­te­riert. Ich baue Fachap­pli­ka­ti­o­nen in ge­wach­se­nen Öko­sys­te­men. Brow­n­field: Da hän­gen Schnitt­stel­len dran, an­de­re Sys­te­me, Re­strik­ti­o­nen. Her­um­pro­bie­ren nach dem Rol­lout ist nicht un­mög­lich – aber teuer und lang­sam. Das ver­schiebt die Ite­ra­ti­on zwin­gend nach vorne: in Re­sea­rch, in de­tail­lier­te Ana­ly­se, in ein sau­be­res Pro­blem­ver­ständ­nis, in Pro­to­ty­pen, die auch Edge-Cases und meh­re­re Va­ri­a­n­ten ab­de­cken.

Ist das gegen die Agi­li­tät? Ich denke nicht. Ich ite­rie­re mehr als man­ches Team – nur frü­her und im bil­li­ge­ren Me­di­um. Vier Ite­ra­ti­o­nen auf Wi­re­f­ra­me-Ebene kos­ten Stun­den bis Tage. Vier Ite­ra­ti­o­nen am pro­duk­ti­ven Sys­tem kos­ten Re­leases. Agil heisst für mich nicht, im Code zu ite­rie­ren. Es heisst, in kur­z­en Schlei­fen zu ler­nen – und die kür­zes­te Schlei­fe liegt vor der Ent­wick­lung.

Was für mich funk­tio­niert

Für mich funk­tio­niert diese Ar­beits­wei­se sehr gut: Im Text werde ich mit der KI bes­ser – schnel­ler im Den­ken, voll­stän­di­ger im Kon­zept, schär­fer in den Op­ti­o­nen. Im Vi­su­el­len werde ich mit ihr nur schnel­ler, und auch das nur, wenn ich vor­her die Struk­tur ge­schaf­fen habe. Der gröss­te Ge­winn liegt am Ende in der Ge­sprächs­fä­hig­keit – mit Nut­zern, Sta­ke­hol­dern, Ent­wick­lern, Ma­nage­ment. Wer die Ent­schei­dun­gen durch­lau­fen hat, kann sie ver­tre­ten. Wer nur das Er­geb­nis kennt, kann es nur zei­gen.