Ver­wer­fen muss bil­lig blei­ben

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Früh lie­fern. Am Nut­zer ler­nen. Schnell ver­wer­fen, neu bauen – mit KI ist Bauen ja bil­lig ge­wor­den. Der Rat­schlag be­geg­net mir in Wei­ter­bil­dun­gen, an Kon­fe­ren­zen, täg­lich im Feed.

Ich halte da­ge­gen – nicht weil er falsch wäre. Son­dern weil er sei­nen Kon­text ver­schweigt. Er stimmt in einer be­stimm­ten Welt. Nur wird die Welt nie mit­ge­lie­fert.

Die Welt, in der er stimmt

Neues Pro­dukt, klei­nes Team, keine Alt­las­ten. Die Lö­sung steht neben dem Ar­beits­pro­zess: Die ers­ten KI-Ab­fra­gen im Bü­roall­tag waren genau das – Mehr­wert ohne Ab­hän­gig­keit. Klapp­te es nicht, hatte der Nut­zer ein paar Mi­nu­ten ver­lo­ren und mach­te es selbst. Dort darf ein Werk­zeug un­fer­tig sein. Dort ist Ver­wer­fen bil­lig: Kein Pro­zess hängt daran, nie­mand wird um­ge­schult, kein Stee­ring muss es recht­fer­ti­gen. Ein Fehl­ver­such mit dem Werk­zeug kos­tet Mi­nu­ten – nicht mehr.

In die­ser Welt stimmt der Rat­schlag.

Die Welt, in der ich ar­bei­te

Meine Pro­duk­te kom­men nicht in ein lee­res Sys­tem. Sie kom­men in eine be­ste­hen­de Re­a­li­tät – Pro­zes­se, Um­sys­te­me, ge­wach­se­ne Ar­beits­wei­sen – und meis­tens er­set­zen sie etwas: ein altes Sys­tem oder Stift und Pa­pier. Brow­n­field. In Di­gi­ta­li­sie­rungs­pro­jek­ten ist das der Nor­ma­l­fall.

Die Nut­zer sind fest­ge­legt auf das Werk­zeug, das man ihnen gibt – und ihr Job muss damit je­der­zeit voll­stän­dig er­le­digt wer­den kön­nen. Nicht zu sieb­zig Pro­zent, nicht «im nächs­ten Re­lease dann ganz». Ler­nen am aus­ge­roll­ten Pro­dukt heisst hier: Mit jeder Ite­ra­ti­on än­dern sich Ab­läu­fe, ganze Ab­tei­lun­gen – nicht sel­ten Hun­der­te von Men­schen – ler­nen um, für das­sel­be Ar­beits­er­geb­nis wie vor­her. Die Kos­ten des Ex­pe­ri­ments tra­gen sie. Was da­nach «Wi­der­stand gegen die Ver­än­de­rung» heisst, ist häu­fig eine ra­ti­o­na­le Re­ak­ti­on auf die­ses Vor­ge­hen.

Bei pro­du­zie­ren­den Be­trie­ben steht am Ende zudem ein Er­geb­nis, das Qua­li­täts­ansprü­chen ge­nü­gen muss: Ein Werk­zeug, das sich lau­fend än­dert, ge­fähr­det nicht die Ge­duld der Mit­a­r­bei­ten­den, son­dern das Pro­dukt.

Und Ver­wer­fen? Eine aus­ge­roll­te Lö­sung zu ver­wer­fen ist kein bil­li­ger Lern­schritt mehr. Da hän­gen Bud­gets dran, Ver­ant­wor­tun­gen, in­ter­ne Über­zeu­gungs­a­r­beit – wer eine Lö­sung im Stee­ring ver­tei­digt hat, wirft sie nicht leicht­fer­tig weg. Ein Irr­tum, der erst im pro­duk­ti­ven Ein­satz sicht­bar wird, ist hier teuer. Zu teuer, um ihn als Lern­stra­te­gie ein­zu­pla­nen.

Der Gra­ben da­zwi­schen

Nun könn­te man mei­nen, die ge­leb­te Brow­n­field-Pra­xis hätte dar­auf eine Ant­wort. Hat sie – aber die falsche. Der Auf­trag kommt oft mit Pro­blem und fer­ti­ger Lö­sung, bei­des gilt als ge­ge­ben, und die Ana­ly­se ar­bei­tet die An­for­de­run­gen der ge­setz­ten Lö­sung ab. Kein Ler­nen vor dem Bauen, kein Ler­nen da­nach: Ge­baut wird, was be­stellt wurde.

Die Lehre sagt: Lernt durch Aus­lie­fern. Die Pra­xis sagt: Lie­fert, was be­stellt wurde. Mein Weg liegt da­zwi­schen – so nah wie mög­lich im Ziel­ge­biet lan­den, bevor ge­baut wird. Denn hin-ite­rie­ren kann ich im Brow­n­field nur mit Ent­wür­fen und Pro­to­ty­pen. Nicht mit dem aus­ge­roll­ten Pro­dukt.

Ver­wer­fen ge­hört vor den Rol­lout

Denn ich ver­wer­fe stän­dig. Skiz­zen, Va­ri­a­n­ten, Pro­to­ty­pen, PoCs – rei­hen­wei­se. Nur nichts, was aus­ge­rollt ist.

Die Frage ist nicht, ob ver­wor­fen wird. Die Frage ist, wann Irr­tum noch bil­lig ist. In der Kon­zep­ti­on kos­tet eine ver­wor­fe­ne Va­ri­a­n­te Stun­den. Nach dem Rol­lout kos­tet sie Re­leases, Um­schu­lun­gen, Ver­trau­en. Also ver­la­ge­re ich das Ler­nen dort­hin, wo es bil­lig ist: vor die Ent­wick­lung. Von der Vi­si­on her­un­ter­stei­gen, Stufe um Stufe, und auf jeder Stufe prü­fen – über Mensch, Busi­ness und Tech­nik hin­weg. Die gros­sen Dinge, allen voran die Pro­zes­se, sind vor der Um­set­zung de­fi­niert, ge­tes­tet, va­li­diert. Die De­tails dür­fen dann in der Um­set­zung ent­ste­hen.

Schon die Vi­si­on ist der erste Test – als Ge­schich­te er­zählt, pu­bli­ziert an Hun­der­te Mit­a­r­bei­ten­de, mit ge­zielt kri­ti­schen Fra­gen: Was fehlt? Was stimmt für dich nicht? Eine gut er­zähl­te Vi­si­on er­zeugt fast immer Zu­stim­mung; erst wenn Wi­der­spruch zur er­wünsch­ten Ant­wort wird, prüft die Va­li­die­rung etwas. Wir haben so Lö­cher ge­fun­den, die wir nicht ge­se­hen hat­ten. Wer nur Ap­plaus ern­tet, hat nichts ge­prüft.

Was aus­ge­lie­fert wird, muss den Job tra­gen

Am Ende steht keine per­fek­te Lö­sung, son­dern eine trag­fä­hi­ge. Nicht alles muss von An­fang an di­gi­tal sein, nicht alles gleich gut – aber jeder Zwi­schen­zu­stand ist ent­wor­fen. Die Mit­a­r­bei­ten­den kön­nen in jedem Schritt der Trans­for­ma­ti­on ihre Ar­beit voll­stän­dig er­le­di­gen, ide­a­le­r­wei­se bes­ser als vor­her. Der Über­g­ang ist Teil der Lö­sung, nicht ihr Rest­pos­ten. Und weil es an­ders kommt, als man denkt, ist die Ar­chi­tek­tur auf Ver­än­de­rung aus­ge­legt statt auf Zu­kunfts­treff­si­cher­heit.

«Bauen, ver­wer­fen, neu an­fan­gen» ist kein uni­ver­sel­ler Rat­schlag. Er ist ein kon­text­ge­bun­de­ner – und wer ihn wei­ter­gibt, soll­te den Kon­text mit­lie­fern.

Ge­lernt wird trotz­dem. Und ver­wor­fen auch. Nur so­lan­ge Irr­tum noch bil­lig ist.