Viele Teams lie­fern zu­ver­läs­sig. Nur lei­der das Falsche.

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In fast jedem Un­ter­neh­men, in dem ich ar­bei­te, läuft das­sel­be Vor­ge­hen – un­ab­hän­gig davon, was ge­baut wird. Kern­sy­stem­mi­gra­ti­on. Neues di­gi­ta­les Pro­dukt. Re­gu­la­to­ri­sche An­pas­sung. Alle drei be­kom­men das­sel­be Fra­me­work, den­sel­ben Sprint-Rhyth­mus, die­sel­ben Ze­re­mo­ni­en. Das Er­geb­nis: Der Fokus liegt auf dem Pro­jekt – sel­ten auf dem Pro­dukt.

Struk­tur ohne Rich­tung

Ich schrei­be das aus dem Kon­text von En­ter­pri­se- und B2B-Um­fel­dern: Or­ga­ni­sa­ti­o­nen mit ge­wach­se­nen Sys­te­men, ein­ge­bet­te­ten Pro­zes­sen und Pro­duk­ten, die in ein be­ste­hen­des Öko­sys­tem in­te­griert wer­den müs­sen. Nicht aus dem Kon­text von Star­t­ups oder Green­field-Pro­jek­ten.

In die­sem Um­feld hat sich Scrum durch­ge­setzt. Nicht als Vor­ge­hen, um zu ler­nen, ob das Rich­ti­ge ge­baut wird – son­dern als De­li­ve­ry-Ma­schi­ne.

Die Ze­re­mo­ni­en er­zeu­gen Struk­tur und Takt. Aber sie er­zeu­gen nicht au­to­ma­tisch Kla­r­heit dar­über, ob das Rich­ti­ge ge­baut wird. Sprints lau­fen. Back­logs wer­den ab­ge­ar­bei­tet. Re­tros sagen «gut ge­lau­fen». Und das Pro­dukt wirkt trotz­dem nicht – weil die Fra­gen, die vor dem ers­ten Sprint hät­ten ge­stellt wer­den müs­sen, nie auf dem Tisch lagen.

Das ist kein Agile-Pro­blem. Es ist ein Fo­kus­pro­blem.

Dave Tho­mas, einer der Mit­au­to­ren des Agile Ma­ni­fe­sto, er­klär­te Agile be­reits 2014 für tot – nicht weil die Werte falsch wären, son­dern weil der Be­griff von Con­sul­tants und Zer­ti­fi­zie­rungs­an­bie­tern über­nom­men und aus­ge­höhlt wurde. Mar­tin Fow­ler nann­te das­sel­be Phä­no­men «Flac­cid Scrum»: Agile dem Namen nach, ohne die Hal­tung da­hin­ter. Daran hat sich wenig ge­än­dert.

Pro­jek­tri­si­ken ver­mei­den. Pro­duk­tri­si­ken igno­rie­ren.

Das Pro­jekt­ab­schluss-Mee­ting läuft gut. Das Sys­tem wurde ge­lie­fert, das Bud­get ein­ge­hal­ten, der Scope er­füllt. Nie­mand fragt, ob das Sys­tem auch ge­nutzt wird.

Das ist kein Ein­zel­fall. Pro­jekt­be­tei­lig­te wer­den am Pro­jekt ge­mes­sen, nicht am Pro­dukt. So­lan­ge das Sys­tem läuft, läuft es. Ob Qua­li­tät und Ef­fi­zi­enz wirk­lich ge­ge­ben sind, würde eine Mes­sung zei­gen – die aber oft nicht statt­fin­det.

Die Kon­se­quenz ist di­rekt: Man kämpft fast aus­sch­liess­lich gegen Pro­jek­tri­si­ken. Was kos­tet das? Wann wird ge­lie­fert? Was dabei sel­ten ge­fragt wird: Bringt das Pro­dukt den er­war­te­ten Mehr­wert? Gibt es eine ein­fa­che­re Lö­sung, die den­sel­ben Nut­zen bringt? Passt das Pro­dukt in be­ste­hen­de Pro­zes­se – und kann die Or­ga­ni­sa­ti­on es über­haupt be­trei­ben?

In mei­ner Er­fah­rung schei­tern Vor­ha­ben sel­ten nur am Bud­get. Die ei­gent­li­chen Kos­ten ent­ste­hen spä­ter – wenn sich zeigt, dass das Pro­dukt in der Pra­xis nicht den er­war­te­ten Ef­fekt hat. Oder be­reits wäh­rend des Bau­ens, wenn man mit­ten im Pro­jekt merkt, dass man das Falsche bud­ge­tiert hat. Viele Teams lie­fern zu­ver­läs­sig – nur lei­der das Falsche.

Erst klä­ren. Dann bauen.

Mein An­satz – und der An­satz, den ich bei ERNI als ei­gen­stän­di­ge Leis­tung an­bie­te – setzt frü­her an: mit einer struk­tu­rier­ten Klä­rungs­pha­se, bevor das gros­se Bud­get frei­ge­ge­ben wird. Ich nenne die­sen Schritt den Di­gi­tal De­sign Ap­proach – kurz DDA.

Der DDA ist keine neue Me­tho­de und kein Er­satz für be­ste­hen­de Vor­ge­hens­mo­del­le. Er er­gänzt sie um einen Schritt, der in En­ter­pri­se- und B2B-Kon­tex­ten heute oft fehlt.

Was in die­ser Phase pas­siert: Das Pro­blem wird nicht nur be­schrie­ben, son­dern hin­ter­fragt. Wel­che An­nah­men ste­cken da­hin­ter – und wel­che davon sind kri­tisch? Nicht jede An­nah­me muss ge­prüft wer­den. Aber die, die das Vor­ha­ben kip­pen würde, wenn sie nicht stimmt, muss auf dem Tisch lie­gen, bevor auch nur eine Zeile Code ge­schrie­ben wird. Stellt sich her­aus, dass das Pro­dukt kei­nen ech­ten Mehr­wert schafft, kann das Vor­ha­ben zu die­sem Zeit­punkt mit sehr ge­rin­gen Kos­ten ge­stoppt wer­den.

Wie gross diese Phase ist, hängt vom Vor­ha­ben ab. Was immer gleich bleibt: das Ziel. Das Ri­si­ko­pro­fil des Vor­ha­bens muss ver­stan­den sein, bevor ge­baut wird.

Das klingt selbst­ver­ständ­lich. Es ist es nicht. Wer ein Pro­jekt star­tet, will es auch er­folg­reich ab­sch­lies­sen – nicht stop­pen. Eine Phase, die ex­pli­zit das Stop­pen er­mög­licht, wi­der­spricht der po­li­ti­schen Logik vie­ler Or­ga­ni­sa­ti­o­nen. Das ist der ei­gent­li­che Grund, warum die­ser Schritt so sel­ten statt­fin­det – nicht weil er me­tho­disch un­be­kannt wäre, son­dern weil er or­ga­ni­sa­to­risch un­be­quem ist.

In En­ter­pri­se- und B2B-Kon­tex­ten ist diese Klä­rung trotz­dem be­son­ders wich­tig. Man kann hier nicht be­lie­big Ver­si­o­nen ver­öf­fent­li­chen und das Pro­dukt bei jedem Re­lease grund­le­gend ver­än­dern. Sys­te­me sind ein­ge­bet­tet in Pro­zes­se, Ver­trä­ge und Or­ga­ni­sa­ti­o­nen. Feh­ler wer­den teuer.

Das Vor­ge­hen dem Vor­ha­ben an­pas­sen

Was folgt nach dem DDA, ist keine Über­ra­schung: Das Vor­ha­ben wird bud­ge­tiert, das Team zu­sam­men­ge­stellt, die Aus­lie­fe­rung so ge­stal­tet, wie es für Or­ga­ni­sa­ti­on, Markt und Ziel­grup­pe sinn­voll ist. Das Er­geb­nis ist oft kein klas­si­sches MVP – son­dern ein Mi­ni­mum Mar­ke­ta­ble Pro­duct: das kleins­te Pro­dukt, das tat­säch­lich nutz­bar ist und einen kla­ren Mehr­wert lie­fert.

Und das Vor­ge­hen – Scrum, Kan­ban, SAFe, oder etwas da­zwi­schen – wird dem Vor­ha­ben an­ge­passt. Nicht um­ge­kehrt.

Die Frage, die am An­fang ge­stellt wer­den muss

Die ent­schei­den­de Frage am An­fang lau­tet nicht: Wel­ches Fra­me­work set­zen wir ein? Son­dern: Was wis­sen wir schon – und was müs­sen wir erst her­aus­fin­den?

Viele Pro­jek­te schei­tern nicht daran, dass Teams schlecht ar­bei­ten. Sie schei­tern daran, dass nie­mand früh genug ge­fragt hat, wel­ches Pro­blem über­haupt ge­löst wer­den soll – und ob die ge­wähl­te Lö­sung das rich­ti­ge Mit­tel dafür ist.

Das gröss­te Ri­si­ko liegt sel­ten in der Um­set­zung. Es liegt in der falschen Pro­blem­de­fi­ni­ti­on. Feh­ler, die dort ent­ste­hen, las­sen sich spä­ter kaum noch kor­ri­gie­ren – weil sie ins Sys­tem ein­ge­baut sind: in die Ar­chi­tek­tur, in die Ver­trä­ge, in die Or­ga­ni­sa­ti­on. Wer dann nach­bes­sert, fi­nan­ziert das Vor­ha­ben ein zwei­tes Mal.

Und genau dort – vor dem ers­ten Sprint, vor dem ers­ten Bud­get, vor dem ers­ten Re­le­a­se– fängt sinn­vol­le Pro­dukt­a­r­beit an. Nicht im Sprint, son­dern davor.