Zu­fall ist keine Steu­e­rung

ProduktdenkenRisiko & EntscheidungBeobachtungen

Eine Funk­ti­on wird ge­baut, die es in einem an­de­ren Sys­tem be­reits gibt. Daten wer­den in einem neuen Tool er­fasst und kom­men dort, wo damit wei­ter­ge­ar­bei­tet wer­den müss­te, in einem Zu­stand an, der nicht reicht. Ein Fea­ture geht in Pro­duk­ti­on und wird ein Jahr spä­ter durch etwas er­setzt, das aus einem par­al­lel lau­fen­den Vor­ha­ben stammt.

In kei­nem die­ser Fälle hat je­mand schlecht ge­ar­bei­tet. Jedes Pro­jekt hat ge­lie­fert, was ver­ein­bart war, im Bud­get, in der Zeit. Die Fol­gen zei­gen sich trotz­dem – nur spä­ter und an an­de­rer Stel­le.

Der Grund dafür ist un­spek­ta­ku­lär: In den meis­ten Or­ga­ni­sa­ti­o­nen wer­den die Wech­sel­wir­kun­gen zwi­schen Vor­ha­ben nicht sys­te­ma­tisch sicht­bar ge­macht. Die Pro­jek­te sind er­fasst. Was zwi­schen ihnen pas­siert, nicht.

In­ner­halb funk­tio­niert die Kon­trol­le

In einem Pro­jekt ist die Zu­stän­dig­keit klar ge­schnit­ten. Es gibt einen Scope, ein Bud­get, einen Auf­trag­ge­ber, ein Team. Ri­si­ken wer­den er­fasst, Ab­hän­gig­kei­ten do­ku­men­tiert, Fort­s­chritt be­rich­tet. Das ist eta­bliert und funk­tio­niert meis­tens gut.

Für die Über­gän­ge exis­tiert nichts Ver­gleich­ba­res. Keine Zu­stän­dig­keit, keine Be­richts­li­nie, kein For­mat. Und was nicht er­fasst wird, taucht auch nicht auf.

Das heisst nicht, dass nie­mand die Zu­sam­men­hän­ge be­merkt. Sie wer­den durch­aus ge­se­hen. Nur eben punk­tu­ell: Je­mand schaut in ein an­de­res Sys­tem, hört in einem Ge­spräch von einem par­al­le­len Vor­ha­ben, er­kennt eine An­for­de­rung wie­der, die an­ders­wo schon ge­löst wurde. Es hängt davon ab, wer wen kennt, wer in wel­chem Mee­ting sitzt und wer zu­fäl­lig im rich­ti­gen Mo­ment nach­fragt. Das ist keine Steu­e­rung. Das ist Zu­fall.

Damit ver­las­sen sich Or­ga­ni­sa­ti­o­nen dar­auf, dass sys­te­mi­sche Zu­sam­men­hän­ge zu­fäl­lig ent­deckt wer­den. Nicht, weil sie sich be­wusst dafür ent­schie­den hät­ten, son­dern weil es kei­nen vor­ge­se­he­nen Me­cha­nis­mus gibt, sol­che Zu­sam­men­hän­ge sys­te­ma­tisch sicht­bar zu ma­chen.

Dazu kommt, dass eine sol­che Be­ob­ach­tung an Ort und Stel­le un­be­quem ist. Wer über die Pro­jekt­gren­ze hin­aus­schaut und dabei etwas fin­det, pro­du­ziert für das ei­ge­ne Pro­jekt zu­nächst ein Ri­si­ko – für Ter­min, Bud­get, Sta­tus. Die Er­kennt­nis nützt der Or­ga­ni­sa­ti­on und stört das Pro­jekt.

Und es wird nicht ein­fa­cher

Frü­her konn­te ein Pro­jekt sein Um­feld noch ei­ni­ger­mas­sen über­bli­cken. Heute ist das oft un­mög­lich.

Di­gi­ta­le Vor­ha­ben be­ste­hen sel­ten aus einem Team und einem Sys­tem. Es sind meh­re­re Teams, ver­teil­te Ser­vices, ein­ge­kauf­te Platt­for­men, In­te­gra­ti­o­nen in beide Rich­tun­gen, dazu Mo­del­le und Au­to­ma­ti­sie­run­gen, die auf Daten aus Sys­te­men zu­grei­fen, deren Her­kunft nie­mand mehr im De­tail kennt. Die Zahl der Be­rüh­rungs­punk­te zwi­schen Vor­ha­ben wächst schnel­ler als die Zahl der Vor­ha­ben selbst.

Was frü­her ge­le­gent­lich zu dop­pel­ter Ar­beit führ­te, führt heute zu Ab­hän­gig­kei­ten, die sich erst im Be­trieb zei­gen. Und je mehr Be­rüh­rungs­punk­te es gibt, desto un­wahr­schein­li­cher wird es, dass der Zu­fall sie alle fin­det.

Was dar­aus folgt

So­lan­ge nur Pro­jek­te sicht­bar sind, wer­den Pro­jek­te op­ti­miert. Das ist keine Fehl­leis­tung, son­dern die lo­gi­sche Folge des­sen, was eine Or­ga­ni­sa­ti­on er­fasst und be­rich­tet.

Der erste Schritt wäre eine ge­mein­sa­me Sicht auf die lau­fen­den und ge­plan­ten Vor­ha­ben. Nicht bis ins De­tail, nicht voll­stän­dig, nicht schön – aber so, dass Über­schnei­dun­gen bei Sys­te­men, Pro­zes­sen und Nut­zer­grup­pen über­haupt er­kenn­bar wer­den. Ohne diese Sicht bleibt jede Dis­kus­si­on über Zu­stän­dig­keit the­o­re­tisch, weil nie­mand sagen kann, wor­über genau ent­schie­den wer­den soll.

Und es bräuch­te einen Ort, an dem sol­che Be­ob­ach­tun­gen zu­sam­men­lau­fen. Nicht als zu­sätz­li­che Go­ver­nance-Stufe und nicht als Es­ka­la­ti­ons­weg, son­dern als Stel­le, an der je­mand sagen kann: Hier bauen zwei Vor­ha­ben am sel­ben Punkt – ohne dass die Per­son, die es sagt, dafür in Er­klä­rungs­not gerät.

Der Haken bleibt: Der Wert die­ser Ar­beit zeigt sich in dem, was nicht pas­siert. Eine Funk­ti­on, die nicht dop­pelt ge­baut wurde. Eine Schnitt­stel­le, die nicht nach­ge­zo­gen wer­den muss­te. Das lässt sich schwer mes­sen, noch schwe­rer bud­ge­tie­ren und am leich­tes­ten strei­chen.

Steu­er­bar­keit

Die Frage ist nicht, ob in einer Or­ga­ni­sa­ti­on gut ge­ar­bei­tet wird. Meis­tens wird sie das.

Die Frage ist, was über­haupt Ge­gen­stand der Steu­e­rung ist. Or­ga­ni­sa­ti­o­nen steu­ern Pro­jek­te, weil Pro­jek­te sicht­bar sind. Das Pro­dukt ent­steht aber aus dem Zu­sam­men­spiel vie­ler Vor­ha­ben – und die­ses Zu­sam­men­spiel ist in den sel­tens­ten Fäl­len ein ge­stal­te­ter Ge­gen­stand.

Or­ga­ni­sa­ti­o­nen kön­nen nur steu­ern, was sie sicht­bar ma­chen. 
Pro­jek­te sind sicht­bar. Ihr Zu­sam­men­spiel ist es oft nicht.