Zu­­kün­f­te

ProduktdenkenRisiko & EntscheidungInnovation

Je­­des Pro­­dukt ist eine Wet­te auf eine Zu­­kunft. Nur spre­chen wir sel­ten dar­­über, auf wel­che. Als Di­­gi­tal Pro­­duct De­­si­g­­ner be­schäf­ti­­ge ich mich täg­­lich da­­mit, wel­che Pro­­duk­te Teams bau­en – und ob die­­se Pro­­duk­te wirk­­lich die Pro­ble­­me lö­­sen, für die sie ge­dacht sind. Ir­­gen­d­wann ha­be ich an­­ge­fan­­gen, die Fra­­ge eine Ebe­­ne hö­her zu stel­len: Für wel­che Welt bau­en wir das ei­­gent­­lich?

Das Fun­da­­ment, das nie­­mand zeich­­net

Wenn Teams ein Pro­­dukt pla­­nen, dis­­ku­tie­ren sie Fea­tu­res. Roa­d­­maps. Bu­d­­gets. Pri­o­ri­tä­ten.

Sel­ten dis­­ku­tie­ren sie: In wel­cher Zu­­kunft ist die­­ses Pro­­dukt über­­haupt sinn­voll?

Da­­bei steckt in je­­der Pro­­duk­t­ent­­schei­­dung eine stil­le An­­nah­­me über die Welt – über die Men­­schen, die das Pro­­dukt nut­­zen wer­­den, über die Pro­ble­­me, die dann noch re­le­vant sind, über den Kon­text, in dem das al­les stat­t­­fin­­det. Die­­se An­­nah­­men wer­­den nicht aus­­­ge­spro­chen. Sie wer­­den nicht ge­­zeich­­net. Sie wer­­den nicht über­­­prüft.

Sie wer­­den ein­fach ge­­baut.

Wir schau­en in den Rü­ck­­spie­­gel

Pro­­duk­te, Or­­ga­­ni­sa­tio­­nen, Ent­­schei­­dun­­gen – fast al­les, was wir bau­en, ba­­siert auf Ana­­ly­­se der Ver­­­gan­­gen­heit und des Jetzt. Das ist ver­­nün­f­tig. Es ist das Ein­­zi­­ge, was wir ha­­ben.

Aber dann bau­en wir. Und es dau­ert. Mo­na­te. Man­ch­­mal Jah­­re. Wenn das Pro­­dukt en­d­­lich pro­­duk­tiv geht, hat sich die Welt wei­ter­­ge­dreht.

Was wir ge­­baut ha­­ben, passt auf eine Welt, die es so nicht mehr gibt. Wir ha­­ben für die Ver­­­gan­­gen­heit ge­­baut – nicht für die Zu­­kunft.

Das war im­­mer schon so. Nur: Die Welt hat sich noch nie so schnell ver­­än­­dert wie heu­te. Was KI in ei­­nem ein­­zi­­gen Jahr ver­­­schiebt – in Kos­ten, in Mög­­lich­kei­ten, in gan­­zen Ge­schäfts­­mo­­del­len – ist so gros­s, dass An­­nah­­men von vor zwei Jah­ren nicht mehr stil­le Ri­­si­ken sind. Sie sind ak­ti­­ve Fa­l­len.

Was ich dar­aus ge­­lernt ha­be

Das löst Un­­­si­cher­heit aus. Man­ch­­mal auch Angst. Je we­­ni­­ger ich die Fra­­ge stel­le, des­to stär­ker spü­­re ich sie – un­­aus­­ge­spro­chen, aber prä­­sent.

Was mir hilft – und was ich in­­­zwi­­schen auch prak­ti­­zie­­re – ist das Ge­­gen­­teil von Vor­­her­sa­­ge: Zu­­kün­f­te ak­tiv ge­­sta­l­ten. Meh­re­­re mög­­li­che, plau­­si­­ble, her­aus­­for­­dern­­de. Auch sol­che, die mir nicht ge­fa­l­len.

Wenn ich sie na­me, ha­be ich et­­was, wo­­mit ich ar­­bei­ten kann. Ich ge­win­­ne Ori­en­tie­rung. Ich kann Ent­­schei­­dun­­gen tre­f­­fen. Ich kann spä­ter mes­­sen, ob ich rich­tig lag – und an­pas­­sen, was sich ver­­än­­dert hat.

Das ist kein ab­­ge­schlos­­se­­ner Pro­­zess. Es ist eine Ha­l­tung. Und sie macht mich han­d­­lungs­­­fä­hig, ge­ra­­de weil ich nicht al­les weis­s.

Der Zu­­sam­­men­hang mit dem, was ich so­wie­­so tue

Ich ar­­bei­te täg­­lich mit An­­nah­­men. Ich hel­­fe Teams, die An­­nah­­men hin­­ter Pro­­duk­t­ent­­schei­­dun­­gen sicht­­bar zu ma­chen – be­vor sie ver­­­bin­d­­lich wer­­den, be­vor sie teuer wer­­den.

Zu­­kün­f­te ge­­sta­l­ten ist das­­sel­­be Prin­­zip, eine Ebe­­ne hö­her.

Nicht: Wel­che An­­nah­­men ste­­cken in die­­ser User Sto­ry?

Son­­dern: Wel­che An­­nah­­men ste­­cken in un­­­se­­rer Vor­­s­tel­­lung da­von, wie die Welt in drei Jah­ren aus­­­sieht – und für wen wir dann noch re­le­vant sind?

Was bleibt

Pro­­duk­te, die nicht wir­ken, schei­tern sel­ten an schlech­tem De­­sign. Sie schei­tern dar­an, dass sie für eine Zu­­kunft ge­­baut wur­­den, die nie ein­­ge­tre­ten ist – und die nie­­mand je ex­p­li­­zit zur Fra­­ge ge­­macht hat.

Der er­s­te Schritt ist nicht ein Work­­shop. Nicht ein Fra­me­work. Es ist eine Fra­­ge – ge­­stellt be­vor das er­s­te Fea­ture ge­­schrie­­ben wird:

Für wel­che mög­­li­che Zu­­kunft bau­en wir das – und ha­­ben wir die­­se An­­nah­­me je wirk­­lich über­­­prüft?