Der Auf­­­trag klingt klar.
Genau das ist das Ri­­si­­ko.

ProduktdenkenMethoden & Modelle

Viele Pro­jek­te star­ten nicht mit zu wenig Kla­r­heit, son­dern mit falscher Kla­r­heit. Im Erst­ge­spräch liegt oft be­reits ein Ziel­bild auf dem Tisch, manch­mal sogar eine kon­kre­te Lö­sungs­rich­tung. «Wir möch­ten die Spe­sen­er­fas­sung mo­der­ni­sie­ren. Mit­a­r­bei­ten­de sol­len Be­le­ge per App er­fas­sen, die Daten spä­ter ins ERP flies­sen – schlank star­ten, aus­bau­fä­hig blei­ben.» Das klingt nicht naiv. Es klingt vor­be­rei­tet, plau­si­bel, an­schluss­fä­hig.

Genau darin liegt das Ri­si­ko. Denn was wie ein kla­rer Auf­trag wirkt, ist meist eine Mi­schung aus Pro­ble­m­an­nah­men, Lö­sungs­ide­en, tech­ni­schen Vor­ga­ben und im­pli­zi­ten Er­war­tun­gen – ohne dass das Pro­blem da­hin­ter je aus­ge­lo­tet wurde.

Was ist ei­gent­lich das Pro­blem? Die Mit­a­r­bei­ten­den, die müh­sam er­fas­sen? Die Buch­hal­tung, die nach­be­a­r­bei­tet? Die Da­ten­qua­li­tät? Oder geht es vor allem um eine tech­ni­sche Mo­der­ni­sie­rung? Und was wird vom Pro­jekt er­war­tet – ein Pro­to­typ, ein be­last­ba­res Vor­pro­jekt, ein um­setz­ba­res Kon­zept oder be­reits eine erste pro­duk­ti­ve Lö­sung?

Diese Un­ter­schie­de wir­ken klein. Sind sie nicht.

Als ex­ter­nes Un­ter­neh­men ent­schei­det das erste Ge­spräch

Auf dem Erst­ge­spräch baut das An­ge­bot auf, die emp­foh­le­ne Flug­hö­he, das Vor­ge­hen, das Er­war­tungs­ma­na­ge­ment – und spä­ter die Frage, woran das Er­geb­nis ge­mes­sen wird.

Was hier nicht sicht­bar wird, ver­schwin­det nicht. Es taucht spä­ter wie­der auf: als Scope-Dis­kus­si­on, als Ent­täu­schung, als tech­ni­sche Über­ra­schung. Oder als Pro­dukt, das for­mal ge­lie­fert wurde, aber nicht das trifft, was ei­gent­lich ge­meint war.

Das Pro­blem State­ment greift hier oft zu kurz

Das klas­si­sche Pro­blem State­ment ist wert­voll. Es zwingt dazu, nicht so­fort in Lö­sun­gen zu sprin­gen, und fragt nach Nut­zer, Pro­blem und ge­wünsch­ter Wir­kung.

In vie­len B2B-Vor­ha­ben reicht das nicht. Sie star­ten sel­ten auf der grü­nen Wiese, son­dern in be­ste­hen­den Sys­te­men, mit Pro­zes­sen, Ab­hän­gig­kei­ten, Rol­len, Daten, Bud­ge­t­an­nah­men und Er­war­tun­gen. Tech­nik ist dort nicht die spä­te­re Um­set­zung. Manch­mal ist sie Teil des Pro­blems, manch­mal die Gren­ze des Lö­sungs­raums, manch­mal der ei­gent­li­che Grund, warum das Vor­ha­ben ge­st­ar­tet wurde.

Dazu kommt eine ty­pi­sche Ge­sprächs­dy­na­mik: Nach einem kur­z­en Aus­flug ins Busi­ness rutscht das Ge­spräch schnell in die Tech­nik – Sys­te­me, Schnitt­stel­len, Da­ten­mo­del­le. Das ist wich­tig. Aber ohne Ge­sprächs­füh­rung bleibt un­klar, wie diese tech­ni­schen The­men mit Pro­blem, Ziel­bild und Pro­jek­ter­war­tung zu­sam­men­hän­gen.

Genau dafür habe ich Pro­blem­Draft wei­ter­ent­wi­ckelt.

Pro­blem­Draft hält die drei Per­spek­ti­ven zu­sam­men

Pro­blem­Draft ist eine Er­wei­te­rung des Proto-Pro­blem-State­ments für Vor­ha­ben, die nicht auf der grü­nen Wiese star­ten. Die Me­tho­de struk­tu­riert das Erst­ge­spräch ent­lang drei­er Per­spek­ti­ven – Busi­ness, Tech­nik, Pro­jek­ter­war­tun­gen – nicht, um das Ge­spräch in ein Ras­ter zu pres­sen, son­dern weil alle drei oh­ne­hin im Raum ste­hen.

Da­durch ent­steht keine Spe­zi­fi­ka­ti­on, son­dern eine sor­tier­te Aus­gangs­la­ge – ge­trennt nach Pro­ble­m­an­nah­me, Lö­sungs­an­nah­me, tech­ni­scher Rah­men­be­din­gung und Pro­jek­ter­war­tung.

Der wich­tigs­te Punkt: Jede Aus­sa­ge bleibt zu­erst eine An­nah­me. Nicht eine An­for­de­rung, nicht eine Pla­nung, nicht eine Tat­sa­che.

Der Auf­trag­ge­ber wird ernst ge­nom­men – ohne dass alles über­nom­men wird

Das ist mir wich­tig: Pro­blem­Draft ist kein Ver­hör und kein Fil­ter, der Aus­sa­gen so­fort kor­ri­giert. Die Me­tho­de nimmt ernst, was der Auf­trag­ge­ber mit­bringt – Ziele, Sor­gen, tech­ni­sche Hin­wei­se, be­ste­hen­de Ideen, Er­war­tun­gen.

Alles be­kommt einen Ort. Aber nicht alles be­kommt so­fort den­sel­ben Sta­tus. Man­ches wird spä­ter va­li­diert, man­ches re­la­ti­viert, man­ches ge­hört erst in den Lö­sungs­raum, man­ches ist schon fürs An­ge­bot ent­schei­dend. So ent­steht ein bes­se­res Ge­spräch – nicht, weil man sagt «das ist falsch», son­dern weil man sicht­bar macht: Das ist eine An­nah­me, sie hat Fol­gen, wir klä­ren, ob sie trägt.

Der Wert liegt im Sicht­ba­r­wer­den der Lü­cken

Zu­rück zur Spe­sen­er­fas­sung. Wird früh von einer App mit Be­legs­can ge­spro­chen, klingt das kon­kret. Aber eine App löst nicht au­to­ma­tisch un­ein­heit­li­che Frei­ga­ben, feh­len­de Kos­ten­stel­len oder eine un­ge­prüf­te ERP-Schnitt­stel­le – und auch nicht die Er­war­tung, dass die Buch­hal­tung we­ni­ger Ar­beit hat.

Viel­leicht ist die App trotz­dem rich­tig. Viel­leicht ist sie nur ein Teil der Lö­sung. Pro­blem­Draft macht genau das früh sicht­bar: Wo steht ein Lö­sungs­an­satz im Raum, ohne dass klar ist, auf wel­ches Pro­blem er ant­wor­tet?

Ein Lö­sungs­an­satz, der auf kein klar er­fass­tes Pro­blem zu­rück­führ­bar ist, ist ein Warn­si­gnal. Keine An­for­de­rung.

Nicht mit Ge­wiss­heit star­ten, son­dern mit Trans­pa­renz

Pro­blem­Draft er­zeugt kein fer­ti­ges Pro­blem State­ment, son­dern eine ge­mein­sa­me An­nah­men­ba­sis. Im ex­ter­nen Pro­jekt­kon­text ist das ent­schei­dend: Diese An­nah­men be­ein­flus­sen das An­ge­bot, die Flug­hö­he, das Vor­ge­hen und spä­ter die Be­wer­tung des Er­geb­nis­ses. Was im ers­ten Ge­spräch ver­ges­sen geht, wird spä­ter teuer – im An­ge­bot, in der Um­set­zung, nach der Lan­cie­rung.

Pro­blem­Draft ver­hin­dert nicht jede Un­si­cher­heit. Aber es ver­hin­dert, dass Un­si­cher­heit als Kla­r­heit ver­kauft wird.

Nicht, weil da­nach alles klar ist. Son­dern weil end­lich sicht­bar wird, was noch nicht klar ist.