Kein professioneller Investor gibt eine grosse Summe auf einmal frei, auf Basis eines überzeugenden Dokuments, ohne Zwischenstände – und prüft danach nie, was aus dem Geld geworden ist. Wer so anlegt, verwaltet bald kein Geld mehr.
Doch bei vielen digitalen Produktvorhaben folgt die Finanzierung in erkennbarer Form genau diesem Muster: Ein erstaunlich grosser Teil der Investition wird freigegeben, bevor belastbare Evidenz zu Nutzung und Wirkung vorliegt. Drei Muster machen das sichtbar.
Viele Organisationen steuern ihre Vorhaben durchaus in Phasen. Es gibt Teilfreigaben, Meilensteine, Go/No-Go-Termine. Das Problem ist nicht die fehlende Struktur – es ist, was an den Übergängen geprüft wird: Planungsreife und Lieferfortschritt. Nicht neue Evidenz über Nutzung, Wirkung und Tragfähigkeit. Nach dem Vorprojekt ist die Unsicherheit über genau diese Fragen am höchsten — und genau dann fällt der grösste Einzelentscheid. Kapitalgeber koppeln Folgeinvestitionen an neue Erkenntnisse. Projektorganisationen koppeln sie an den Plan.
Der Fixpreis hat seinen legitimen Platz – für klar abgegrenzte Leistungen ist er das richtige Instrument. Problematisch ist die Gleichsetzung: Ein Fixpreis fixiert die Ausgabe – nicht das Risiko. Das entscheidende Risiko eines digitalen Produkts liegt nicht nur darin, dass es teurer wird. Es liegt vor allem darin, dass das Falsche gebaut wird: ein Produkt, das geliefert, aber kaum genutzt wird, dessen Nachbesserungen über Folgebudgets laufen und dessen versprochene Wirkung nie eintritt. Diese Kosten stehen in keinem Vertrag und in keinem Projektbericht. Wer 1.4 Millionen fix vereinbart, hat sein Risiko nicht begrenzt, sondern die Richtung festgeschrieben – bevor klar war, ob sie stimmt.
Bei jeder Geldanlage ist die Renditemessung selbstverständlich – sie ist der Grund, warum man anlegt. Bei digitalen Produkten gilt «geliefert» als Ersatz: Projekt abgeschlossen, Budget eingehalten, Häkchen gesetzt. Dabei heisst Rendite hier selten Franken allein – sie heisst Entlastung, Qualität, Risikoreduktion, Prozessstabilität: die Wirkung, für die investiert wurde. Ob sie eingetreten ist, wird erstaunlich selten systematisch geprüft. Das Projekt ist geschlossen, das Team aufgelöst, der Budgetposten abgerechnet. Der Business Case ist das einzige Finanzdokument, das nach der Freigabe nie wieder jemand liest.
Das liegt an niemandem persönlich. Es liegt daran, dass unsere Steuerungsinstrumente für Lieferung gebaut sind, nicht für Investition. Projektsteuerung prüft Termin, Budget und Scope – das ist Kostenkontrolle, und sie funktioniert. Investitionssteuerung würde anderes fragen: Was wissen wir inzwischen? Rechtfertigt das den nächsten Schritt? Wo liegt die Wirkung wirklich? Eine Phase wäre dann nicht erfolgreich, weil ihre Arbeitspakete abgeschlossen sind – sondern weil sie eine relevante Unsicherheit reduziert und damit den nächsten Investitionsentscheid verbessert hat. Diese Fragen haben in den meisten Gremien keinen Platz – nicht weil sie unerwünscht wären, sondern weil kein Instrument sie stellt.
Der naheliegende Einwand: Unternehmen sind keine Kapitalgeber. Sie müssen Produkte betreiben, Mitarbeitende einschulen, Prozesse umstellen – sie können nicht umschichten wie ein Fonds. Das stimmt, und deshalb wäre es falsch, Projektlogik durch Investorenlogik zu ersetzen. Projektlogik kann Lieferung, und das soll sie weiter tun. Was fehlt, ist die Investitionslogik daneben: phasenweise freigeben, Risiko tatsächlich begrenzen, Wirkung nachmessen – innerhalb der bestehenden Governance, nicht gegen sie.
Aus dieser Frage ist IPIM entstanden – das Incremental Product Investment Model, ein Konzept für schrittweise Investitionsentscheide in digitalen Produktvorhaben. Der Kern in einem Satz: IPIM entwickelt nicht Produkte schrittweise. IPIM trifft Investitionsentscheide schrittweise. Die Bausteine sind nicht neu; neu ist ihre bewusste Verbindung innerhalb bestehender Projekt-Governance. Es ist ein Konzeptpapier in Entwicklung, kein fertig validiertes Framework – und genau deshalb steht es öffentlich zur Diskussion. Die Kurzfassung und das vollständige Konzeptpapier finden sich auf meiner Website.