Er­folg ist ge­fähr­li­cher als Schei­tern

ProduktdenkenRisiko & EntscheidungBeobachtungen

Für Schei­tern gibt es eine Spra­che. Wenn ein Vor­ha­ben klar nicht funk­tio­niert, kennt jede Or­ga­ni­sa­ti­on die Wör­ter: Ab­bruch, Neu­aus­rich­tung, Les­sons Lear­ned. Un­an­ge­nehm, aber sag­bar.

Für den an­de­ren Fall fehlt die Spra­che voll­stän­dig. Ein Sys­tem läuft. Es wird ge­nutzt. Die Leute sind zu­frie­den. Und trotz­dem trägt es nicht – die Ar­chi­tek­tur ist für den Pi­lot­be­trieb ent­stan­den, nicht für Ska­lie­rung, die Da­ten­hal­tung war nie für den Ernst­fall ge­dacht, die Be­triebs­ver­ant­wor­tung ist fak­tisch da, aber nir­gends zu­ge­wie­sen. Was sagt man in die­ser Si­tua­ti­on? «Es funk­tio­niert, aber wir müss­ten es ei­gent­lich neu bauen» ist ein Satz, den in einem Stee­ring Com­mit­tee nie­mand frei­wil­lig aus­spricht.

Also pas­siert das Na­he­lie­gen­de: Es wird wei­ter­ge­baut. Nicht aus Über­zeu­gung, son­dern weil es keine Ka­te­go­rie für das gibt, was hier ei­gent­lich nötig wäre. Die Or­ga­ni­sa­ti­on hört weder auf noch setzt sie neu an – sie drif­tet in eine stil­le Phase aus Nach­bes­se­run­gen, Wor­k­a­rounds und wach­sen­der Kom­ple­xi­tät, die in kei­nem Pro­jekt­be­richt auf­taucht. Ein Neu­start trotz lau­fen­dem Sys­tem ist po­li­tisch schwie­ri­ger als ein frü­her Ab­bruch. Beim Ab­bruch hat man we­nigs­tens nichts, das man ver­tei­di­gen muss.

Der erste pro­duk­ti­ve Kern be­ant­wor­tet eine wich­ti­ge Frage: Er­zeugt er Wir­kung? Er be­ant­wor­tet aber nicht die zwei­te, eben­so wich­ti­ge: Ist seine Grund­la­ge trag­fä­hig genug für den nächs­ten In­ves­ti­ti­ons­schritt? Wirkt es und trägt es sind zwei ge­trenn­te Fra­gen – und die zwei­te wird fast nie ge­stellt, weil die erste po­si­tiv be­ant­wor­tet ist. Er­folg deckt die Fun­da­ment­fra­ge zu.

Da­hin­ter steckt ein Mus­ter, das über Soft­ware hin­aus­reicht: Je er­folg­rei­cher der erste Schritt ist, desto schwie­ri­ger wird es, den zwei­ten noch grund­sätz­lich in­fra­ge zu stel­len. Er­folg er­zeugt Bin­dung – und Bin­dung senkt die Be­reit­schaft, noch ein­mal von vorne zu den­ken.

Neu ist das Pro­blem nicht. Drin­gend ge­wor­den ist es durch ge­ne­ra­ti­ve Ent­wick­lung. Wenn ein Fach­be­reich mit KI-ge­stütz­ten Werk­zeu­gen in we­ni­gen Wo­chen etwas baut, das funk­tio­niert und im All­tag an­kommt, sieht es von aus­sen aus wie ein Pro­dukt – und wird auch so be­han­delt. Nur fehlt dar­un­ter alles, was ein Pro­dukt trag­fä­hig macht: Ar­chi­tek­tur, Si­cher­heits­prü­fung, Da­ten­stra­te­gie, klare Ow­ner­ship, Be­triebs­ver­ant­wor­tung. Weil sol­che Lö­sun­gen Nut­zen er­zeu­gen, wird die Prü­fung nach­ge­la­gert – oder gar nicht.

Die Frage «Ist das ein Pro­to­typ oder ein Pro­dukt?» lässt sich dabei nicht mehr durch Hin­schau­en be­ant­wor­ten. Bei­des sieht gleich aus. Was den Un­ter­schied macht, ist nicht das Ar­te­fakt, son­dern die Ent­schei­dung da­hin­ter:

Ob etwas ein Pro­to­typ oder ein Pro­dukt ist, ent­schei­det nicht sein Er­schei­nungs­bild – son­dern der In­ves­ti­ti­ons­ent­scheid da­hin­ter.

Ein Pro­to­typ hat kein Be­triebs­bud­get, keine Be­triebs­ver­ant­wor­tung und kei­nen Nut­zungs­an­spruch. Ein Pro­dukt hat alle drei, weil je­mand das ent­schie­den hat. Diese Gren­ze war frü­her sicht­bar, weil ein Pro­to­typ wie ein Pro­to­typ aus­sah. Heute ist sie un­sicht­bar ge­wor­den – und muss des­halb in­sti­tu­ti­o­nell ge­zo­gen wer­den. Wer das nicht tut, hat ir­gend­wann pro­duk­ti­ve Sys­te­me im Ein­satz, über deren Be­trieb nie je­mand ent­schie­den hat.

Prak­tisch heisst das: Bevor auf einem ers­ten Kern wei­ter­ge­baut wird, braucht es einen ex­pli­zi­ten Ent­scheid mit zwei ge­trenn­ten Fra­gen. Er­zeugt das Ding die er­war­te­te Wir­kung? Und trägt seine tech­ni­sche und or­ga­ni­sa­to­ri­sche Basis den nächs­ten In­ves­ti­ti­ons­schritt – oder müss­te sie dafür er­setzt wer­den? Fällt die zwei­te Ant­wort ne­ga­tiv aus, ist «wei­ter­bau­en» keine Op­ti­on, son­dern eine Ver­schie­bung der Kos­ten in die Zu­kunft.

Der schwie­rigs­te In­ves­ti­ti­ons­ent­scheid ist damit nicht der erste. Es ist der erste nach einem er­folg­rei­chen Er­geb­nis.

Eine Frage, die mich be­schäf­tigt und auf die ich keine sau­be­re Ant­wort habe: Woran er­kennt man früh genug, dass ein lau­fen­des Sys­tem nicht wei­ter­ge­baut, son­dern neu auf­ge­setzt wer­den müss­te – bevor die Ab­hän­gig­kei­ten so gross sind, dass die Frage nie­mand mehr stellt?