Klecks im Rein­heft...
Zwei Pro­jek­te wur­den ge­stoppt.
Als Re­fe­renz darf ich kei­nes nen­nen.

ProduktdenkenRisiko & EntscheidungBeobachtungen

In den letz­ten fünf Jah­ren habe ich zwei Vor­ha­ben er­lebt, die auf Kun­den­sei­te be­wusst ge­stoppt wur­den. Nicht ab­ge­bro­chen im Chaos, nicht ge­schei­tert an der Tech­nik – ge­stoppt, nach Ab­wä­gung, an einem Ent­schei­dungs­punkt. Als ich spä­ter frag­te, ob ich diese Pro­jek­te als Re­fe­renz nen­nen dürfe, kam eine Ab­sa­ge. Be­grün­dung: Die Pro­jek­te seien ja nicht er­folg­reich aus­ge­führt wor­den.

Man muss sich das auf der Zunge zer­ge­hen las­sen. Zwei Or­ga­ni­sa­ti­o­nen haben etwas getan, das in Pro­jekt­land­schaf­ten sel­ten vor­kommt: Sie haben eine lau­fen­de In­ves­ti­ti­on be­en­det, bevor sie gross wurde. In­ves­ti­ti­ons­lo­gisch ist ein sol­cher Ent­scheid einer der wert­volls­ten, die eine Or­ga­ni­sa­ti­on tref­fen kann. Und trotz­dem gilt er in­tern als etwas, das man ver­steckt. Ein Stopp ist ein Klecks im Rein­heft.

Build – Mea­su­re – Learn wird auf jeder Kon­fe­renz­büh­ne be­schwo­ren. Aber das Learn, das zu einem Stopp führt, will nie­mand ge­we­sen sein. Ge­lernt wer­den darf of­fen­bar nur, was den ur­sprüng­li­chen Plan be­stä­tigt.

Der Grund liegt nicht bei den be­tei­lig­ten Per­so­nen. Er liegt in der Buch­hal­tung des Er­folgs: Die Pro­jekt­lo­gik kennt genau zwei Aus­gän­ge – ge­lie­fert oder ge­schei­tert. Ein Vor­ha­ben, das nach einer be­wuss­ten Prü­fung be­en­det wird, fällt in die zwei­te Ka­te­go­rie, egal wie gut die Ent­schei­dung war. Für den drit­ten Aus­gang – ge­lernt, bevor es teuer wurde – exis­tiert keine Zeile im Re­por­ting, keine Kenn­zahl im Port­fo­lio, keine An­er­ken­nung im Mit­a­r­bei­ter­ge­spräch. Was nicht ver­bucht wer­den kann, wird ver­steckt.

Die ge­nau­en Zah­len der bei­den Fälle nenne ich nicht. Das Ver­hält­nis schon, denn darin liegt der Punkt: Beide Or­ga­ni­sa­ti­o­nen haben einen mitt­le­ren fünf­stel­li­gen Be­trag aus­ge­ge­ben. Die Vor­ha­ben, die dar­aus hät­ten wer­den sol­len, lagen im hohen sechs­stel­li­gen bis tief sie­ben­stel­li­gen Be­reich. Also we­ni­ger als ein Zehn­tel der ge­plan­ten In­ves­ti­ti­on – und dafür die Er­kennt­nis, dass die rest­li­chen neun Zehn­tel nicht ge­recht­fer­tigt ge­we­sen wären. In einem der bei­den Fälle zeig­te sich un­ter­wegs sogar, wie viel die Or­ga­ni­sa­ti­on über­haupt zu in­ves­tie­ren be­reit war: deut­lich we­ni­ger, als die ur­sprüng­lich ge­plan­te Lö­sung ge­kos­tet hätte. Ohne die­sen Zwi­schen­schritt wäre ge­baut wor­den, was am Ende nie­mand hätte be­zah­len wol­len. Der teu­ers­te Satz der Pro­jekt­welt ist nicht «wir stop­pen». Es ist «wir zie­hen das jetzt durch».

Warum wird trotz­dem fast nie ge­stoppt? Weil Stop­pen als Cha­rak­ter­fra­ge be­han­delt wird, ob­wohl es eine Kon­struk­ti­ons­fra­ge ist. Wer mit­ten in einem lau­fen­den Vor­ha­ben stop­pen will, kämpft gegen alles gleich­zei­tig: gegen ver­sun­ke­ne Kos­ten, gegen ge­setz­te Er­war­tun­gen, gegen den Ge­sichts­ver­lust derer, die das Vor­ha­ben ver­kauft haben. Diese Kräf­te las­sen sich nicht durch Ap­pel­le an eine «Feh­ler­kul­tur» neu­tra­li­sie­ren. Sie müs­sen vor dem Start ein­ge­plant wer­den, und dafür braucht es drei Dinge. Einen ers­ten Ein­satz mit ge­plan­tem Ende statt eines ver­klei­ner­ten Ziel­sys­tems. Schwel­len­wer­te, die vor dem Bau de­fi­niert wer­den – nicht nach­her, wenn jede Zahl po­li­tisch ist. Und ein Port­fo­lio-Re­por­ting, das einen frü­hen Stopp als das aus­weist, was er ist: eine Ri­si­koent­schei­dung, keine Nie­der­la­ge. Wer weiss, dass der erste Ein­satz be­fris­tet ist, ent­schei­det an­ders – beim Start und am Ende.

Aus sol­chen Be­ob­ach­tun­gen ist IPIM ent­stan­den – das In­cre­me­n­tal Pro­duct In­vest­ment Model, ein Kon­zept für schritt­wei­se In­ves­ti­ti­ons­ent­schei­de in di­gi­ta­len Pro­dukt­vor­ha­ben. Stop ist darin kein Not­aus­gang, son­dern ein gleich­wer­ti­ger Aus­gang an jedem Ent­schei­dungs­punkt – ein­ge­baut, bevor in­ves­tiert wird. Es ist ein Kon­zept­pa­pier in Ent­wick­lung, kein fer­tig va­li­dier­tes Fra­me­work, und steht öf­fent­lich zur Dis­kus­si­on. Die Kurz­fas­sung und das voll­stän­di­ge Pa­pier fin­den sich auf mei­ner Web­si­te:

→ ste­fan­de­gen.me/de/ar­ti­kel/ipim-in­cre­me­n­tal-pro­duct-in­vest­ment-model/