Die Gren­ze ent­schei­det

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Das Vor­ha­ben war er­folg­reich. Ter­min ge­hal­ten, Lö­sung ein­ge­führt, die ver­spro­che­ne Ent­las­tung trat ein. Und trotz­dem ging die Rech­nung nicht auf. Nicht weil je­mand schlecht ge­ar­bei­tet hätte – der Ab­lauf war sau­ber auf­ge­nom­men, die Be­tei­lig­ten hat­ten ihn be­stä­tigt. Son­dern weil der Ab­lauf dort wei­ter­lief, wo das Pro­jekt auf­hör­te.

Wenn ich in ein neues Vor­ha­ben komme, schaue ich zu­erst auf den Ab­lauf. Nicht aus me­tho­di­scher Über­zeu­gung, son­dern aus einer Er­fah­rung, die sich über Jahre wie­der­holt hat: Die beste Ober­flä­che gleicht einen schlech­ten Ab­lauf nicht aus. Sie macht ihn er­träg­li­cher. Die Über­g­a­ben blei­ben, die Dop­pe­ler­fas­sun­gen blei­ben, die Rü­ck­fra­gen blei­ben – sie sehen nur freund­li­cher aus.

Aus Pro­dukt­sicht ge­winnt ein Vor­ha­ben über den Ab­lauf, nicht über die Ober­flä­che. Ob eine Lö­sung trägt, ent­schei­det sich daran, ob Ar­beit tat­säch­lich ein­fa­cher, schnel­ler oder ver­läss­li­cher wird. Die Ober­flä­che zeigt einer Rolle ihren Aus­schnitt die­ses Ab­laufs. Sie ist wich­tig. Aber sie ist nicht der Ge­gen­stand.

Die erste Stel­le, an der die Rech­nung kippt, liegt in­ner­halb des Ab­laufs selbst. In jedem Work­shop ent­steht der­sel­be Ab­lauf: Auf­trag rein, Prü­fung, Frei­ga­be, er­le­digt. Der Fall, der ge­ra­deaus durch­läuft – schnell ge­zeich­net, schnell ver­stan­den, schnell ge­schätzt.

Der Auf­wand steckt wo­an­ders: in der Rü­ck­fra­ge, weil eine An­ga­be fehlt, und im Vor­gang, der lie­gen bleibt, weil die zu­stän­di­ge Per­son ab­we­send ist. In der Aus­nah­me, die eine an­de­re Frei­ga­be braucht – und im Rü­ck­läu­fer, der noch ein­mal durch die halbe Kette geht. Wer nur den durch­lau­fen­den Fall auf­nimmt, hat den Ab­lauf ge­se­hen – den Um­fang hat er nicht ge­se­hen. Das ist einer der Grün­de, warum Vor­ha­ben nach dem Start wach­sen, ohne dass je­mand den Scope ver­än­dert hätte: Der Scope war nie voll­stän­dig be­schrie­ben, nur sein sicht­bars­ter Teil.

Es gibt einen ein­fa­chen Test dafür, ob ein Ab­lauf zu Ende ge­dacht ist: Er zwingt einen, auf­zu­schrei­ben, was pas­siert, wenn es nicht wei­ter­geht. Genau dafür habe ich vor Jah­ren UFMn ent­wi­ckelt – eine No­ta­ti­on, in der Ver­zwei­gun­gen nicht op­ti­o­nal sind.

Die zwei­te Stel­le liegt aus­ser­halb des Vor­ha­bens. Ein Ab­lauf rich­tet sich nicht nach Zu­stän­dig­kei­ten. Er läuft durch Ab­tei­lun­gen, Rol­len und Sys­te­me, die im Pro­jekt gar nicht vor­kom­men – weil das Bud­get einer be­stimm­ten Ab­tei­lung ge­hört, weil der Ver­trag einen be­stimm­ten Um­fang nennt, weil der Auf­trag­ge­ber für einen be­stimm­ten Be­reich ver­ant­wort­lich ist. Die Gren­ze des Vor­ha­bens ist eine ad­mi­nis­tra­ti­ve Linie. Der Ab­lauf kennt sie nicht.

Wo beide aus­ein­an­der­fal­len, pas­siert etwas, das in kei­nem Sta­tus­be­richt auf­taucht: Auf­wand wird nicht re­du­ziert, son­dern ver­scho­ben. In­ner­halb der Linie ent­fällt ein Ar­beits­schritt. Zwei Rol­len wei­ter ent­steht dafür eine Prü­fung, eine Kor­rek­tur, eine Liste, die je­mand pflegt, damit die neue Lö­sung sau­ber ge­füt­tert wird. Bei­des ist real. Ver­bucht wird nur die eine Seite, weil die an­de­re in ein an­de­res Bud­get fällt.

Jim Kal­bach (Map­ping Ex­pe­ri­ence) hat für Ali­gnment-Dia­gram­me fest­ge­hal­ten, dass der ge­wähl­te Aus­schnitt be­stimmt, was sicht­bar wird – er mein­te damit die Ver­stän­di­gung. Für die In­ves­ti­ti­on gilt das­sel­be, nur här­ter: Der Aus­schnitt be­stimmt, was ge­rech­net wird.

Man könn­te dar­aus schlies­sen, dass diese Gren­ze eben ge­setzt ist. Meine Er­fah­rung ist eine an­de­re: Sie ist es meis­tens nicht.

Wenn der Ab­lauf über die Vor­ha­ben­gren­ze hin­aus sicht­bar ge­macht wird – wenn die Be­tei­lig­ten aus­ser­halb sehen, wo ihr ei­ge­ner Auf­wand ent­steht und was eine An­pas­sung für sie ver­än­dern würde –, dann be­we­gen sich diese Gren­zen er­staun­lich oft. Eine Nach­ba­r­ab­tei­lung passt einen Über­g­a­be­punkt an, ob­wohl sie nie Teil des Pro­jekts war. Je­mand än­dert eine Er­fas­sung, weil zum ers­ten Mal je­mand ge­zeigt hat, wohin die Daten flies­sen und was sie dort aus­lö­sen. Ohne Auf­trag, ohne Bud­get­ver­schie­bung. Der sicht­bar ge­mach­te Ab­lauf ist das Ar­gu­ment – nicht die Zu­stän­dig­keit.

Das funk­tio­niert nicht immer. Man­che Gren­zen sind tat­säch­lich ge­setzt: recht­lich, ver­trag­lich, stra­te­gisch ent­schie­den. Aber auch dann ist die Ar­beit nicht ver­lo­ren. Wer weiss, dass ein Teil des Auf­wands aus­ser­halb der ei­ge­nen Linie ent­steht, kann das im In­ves­ti­ti­ons­ent­scheid aus­wei­sen, statt es zu über­se­hen. Der Un­ter­schied liegt nicht zwi­schen Ge­lin­gen und Schei­tern. Er liegt zwi­schen einer voll­stän­di­gen und einer un­voll­stän­di­gen Rech­nung.

Und damit zur drit­ten Stel­le, an der die Rech­nung kippt – der lei­ses­ten. Ge­mes­sen wird, wenn über­haupt ge­mes­sen wird, in­ner­halb der Linie. Dort, wo ein­ge­spart wurde. Nicht dort, wo der Auf­wand hin­ge­wan­dert ist. Wer so misst, kann gar nicht fest­stel­len, ob die Or­ga­ni­sa­ti­on ge­won­nen hat – er kann nur fest­stel­len, ob das Pro­jekt ge­lie­fert hat. Das Vor­ha­ben schliesst sau­ber po­si­tiv ab, nie­mand hat ma­ni­pu­liert, nie­mand hat ge­schönt. Die Gren­ze hat das Er­geb­nis er­zeugt.

Ich habe an an­de­rer Stel­le be­schrie­ben, dass der Busi­ness Case das ein­zi­ge Fi­nanz­do­ku­ment ist, das nach der Frei­ga­be nie wie­der je­mand liest. Hier zeigt sich, warum das mehr ist als eine Nach­läs­sig­keit: Selbst wer nach­mes­sen woll­te, würde am falschen Ort mes­sen, wenn die Mes­sung die­sel­be Gren­ze über­nimmt wie das Pro­jekt. In IPIM ist die Wir­kungs­mes­sung des­halb Teil des In­ves­ti­ti­ons­ent­scheids – und die Frage, wo ge­mes­sen wird, ge­hört zur Frage, was ge­baut wird.

Was aus­ser­halb der Linie liegt, ist nicht mo­del­liert, nicht ge­mes­sen und nicht ver­ant­wor­tet. Aber es wirkt auf das Er­geb­nis. Geht das Vor­ha­ben gut aus, sieht das nach guter Steu­e­rung aus. Geht es schlecht aus, nach Pech. Bei­des ist die­sel­be Lücke – und um sie geht es im nächs­ten Ar­ti­kel: «Zu­fall ist keine Steu­e­rung».

Viel­leicht ist das die ei­gent­li­che Be­ob­ach­tung hin­ter all­dem: Die gröss­ten Feh­ler ent­ste­hen sel­ten in­ner­halb eines Vor­ha­bens. Sie ent­ste­hen bei der Wahl sei­ner Gren­zen.